Mein Kind gleitet mir aus den Händen...

  • Hallo, ich bin neu hier... Habe zwei kleine Kinder Max 4 Jahre und Pia 7 Monate.Leider entgleitet mir der große komplett ich weiß nich mehr was ich noch tun soll.Er ist frech tritt uns mit Füßen und haut ständig zudem noch ständiges rum gebocke wenn was nicht nach seinem Kopf geht.Und nein ich habe nicht das Gefühl das es an seiner Schwester liegt es wahr schon vor ihrer Geburt so zudem liebt er sie über alles ist aber auch ihr gegenüber oft sehr grob wenn man ihn dann ermahnt is man gleich wieder böse und nicht mehr sein Freund.Bei Oma ist er angeblich immer ganz lieb wenn wir dann um die Ecke kommen legt sich bei ihm sofort nen Schalter um und er ist wie Zuhause.Ich bin am Ende und würde einfach gern weg, was mach ich falsch?Es tut mir so weh wenn er sagt ich bin böse ich will doch nur sein bestes.Das Jugendamt wollte ich nicht einschalten einmal da gemeldet immer da gemeldet darauf hab ich keine Lust... Vielleicht hat ja jemand paar gute Tips was man machen kann...

  • Hallo Susi_Mausi88,


    zuerst einmal ein herzliches Willkommen hier im Forum.


    Ihr Sohn Max ist mit seinen 4 Jahren genau in dem Alter, in dem langsam die so genannte "Trotzphase" beginnt. Dies ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für Kinder, da sie beginnen, selbstständiger zu werden und vor allem entdecken, dass Sie eine eigene Meinung und einen eigenen Standpunkt haben, den sie verständlicherweise dann auch durchsetzen wollen. Sie können hier im Forum auch Beiträge genau zu dieser "Trotzphase" finden, die sicherlich interessant für Sie sind. Auch die Entwicklung von Frustrationstoleranz ist in seinem Alter ein sehr wichtiges Lernfeld, denn es ist eine wichtige Kompetenz, Frust aushalten zu können und nicht jedes Bedürfnis umgehend erfüllt und befriedigt zu bekommen. Frustrationstoleranz - braucht mein Kind das? - Kindergarten


    Sie schreiben, dass Sie sich nicht ans Jugendamt wenden wollen, aus Sorge, dass Sie sonst dort "immer gemeldet" sind. Dennoch möchte ich Ihnen empfehlen, sich bei Ihrem zuständigen Jugendamt nach den Angeboten des so genannten "Elternseminars" zu erkundigen. Diese Beratungsangebote für Eltern sind ein Service des Jugendamtes, das Eltern in Ihrer Rolle unterstützen möchte. Es werden Kurse und auch Gesprächsrunden angeboten.


    Herzliche Grüße
    Klara

  • Sehr geehrte Frau Susi_Mausi88,


    ich danke Ihnen erstmal für Ihre Offenheit und verstehe Ihre Ängste und Befürchtungen im System registriert zu sein. Es ist aber tatsächlich so, dass die Jugendämter auch einen Informations- und Beratungsauftrag haben. Ich kann aber auch sehr gut nachvollziehen, was Sie dabei empfinden, deshalb empfehle ich Ihnen, einfach mal anonym nach Elternkurse oder Elternseminare nachzufragen. Häufig sind diese auch ausgegliedert, so dass die Caritas, AWO, Diakonie… einiges anbieten.


    Des Weiteren verstehe ich sehr gut, dass Sie nicht mehr die Standard-Tipps hören wollen, weil es wirklich so ist, dass Geschwistereifersucht (die auch da sein kann) sofort in den Vordergrund geschoben, ihr alles angehängt wird, und Sie als Eltern kaum brauchbares Handwerkzeug geboten bekommen.


    Auch die Erklärung mit der Trotzphase, ist zwar richtig und einleuchtend, hilft aber in diesem Fall, wenn Sie mir die Anmerkung erlauben, Klara, nicht wirklich weiter.


    Seien Sie sich sicher, es gibt keine perfekten Eltern, und es gibt keine Eltern, die alles richtig machen, sondern nur welche die es versuchen (und das bestätige ich immer wieder als
    Fachmann aber vor allem auch als dreifacher Vater). Also beschäftigen Sie sich ab jetzt bitte nicht mehr mit der Frage „Was mache ich falsch?“, sondern vielmehr mit der Frage „Was werde ich verändern“. Glauben Sie mir, es gibt Situationen die Entgleiten uns Eltern, ohne dass wir Fehler machen, und ohne dass wir falsch agieren. Das Leben ist voller Variablen und Überraschungen, die wir nie einplanen und vorbereiten können. Manchmal überrollt uns eine Situation und führt zu etwas, dass wir nicht wollten, und aus dem wir ohne Hilfe nicht herausfinden.


    So eine Situation meine ich bei Ihnen vorzufinden. Sie sind mit Ihrem Kind in einem offenen Kreis, drehen sich ohne anzuhalten, und ohne aus der Situation herauszukommen. Wie anstrengend diese Situation ist, haben Sie zum Ausdruck gebracht (Ich bin am Ende und würde einfach gern weg), aber auch das können Sie nicht, weil Sie Ihren Sohn über alles lieben (auch diese Liebe ist für mich in Ihren Zeilen sichtbar). Stellen Sie sich bitte jetzt parallel dazu vor, wie anstrengend die Situation für Ihr Kind ist. Ihrem Sohn geht es genauso. Und auch er, liebt Sie über alles, auch wenn er zurzeit nicht in der Lage ist, dieses zu Ihrem Verständnis zum Ausdruck zu bringen. Er sagt es auf seiner Art und Weise, indem er es verneint (er sagt ich bin böse).


    Ich würde Ihnen gerne einiges mit an die Hand geben, bis Sie eine Elterngruppe oder ähnliches vor Ort gefunden haben, wo Sie sich austauschen können und wo Sie Kraft schöpfen können (Mutter sein ist nicht einfach, und wir Männer werden nie wirklich begreifen können, welche Lasten Sie alles schultern, weil wir selber es nie könnten. Fühlen Sie sich aber trotzdem bitte von mir verstanden).


    Jesper Juul hat ein schönes Buch über Aggressionen geschrieben, vor allem bei Jungen, was ich Ihnen auch gerne empfehlen würde. Darüber hinaus, können Sie die Tipps die folgen werden alle ausführlich in meinem Buch „Nicht mehr über Tyrannen reden!“ nachlesen. Ich habe diese Tipps und andere nicht nur ausführlich beschrieben, sondern viele Alltagssituationen dargelegt und Alternativen vorgeschlagen.


    • Nehmen Sie die Aussagen Ihres Kindes bitte nicht persönlich. Auch wenn der Junge Ihnen harten Tobak an den Kopf wirft, versteht er unter diesen Worten nicht das Gleiche, was Sie darunter verstehen. Er hat noch das Denken und das Verstehen eines Vierjährigen. Wenn er Ihnen sagt, dass Sie böse sind, meint er damit einfach nur, dass er sich über Sie ärgert. Böse bedeutet für ihn nicht das Gleiche wie für Sie.
    • Geben Sie Ihrem Sohn bitte keine Anweisungen mehr, die er nicht durchführen wird. Es geht hier nicht darum, dass Sie Ihren Sohn gewähren lassen (frei nach der alten Laisser-faire Devise). Es geht vielmehr darum, dass Ihre Aussagen für Ihren Sohn wieder den Stellenwert erlangen, den sie haben sollten. Wenn Sie Ihrem Sohn stets Sachen verbieten oder vorschreiben, an die er sich nicht hält, lernt er, dass er Ihre Worte nicht befolgen muss. Wenn Sie hingegen Vorgaben machen, seien Sie darin eindeutig, ohne einen Deutungsraum zu lassen (Z.B. nicht: hast du Lust den Teller in die Küche zu bringen? oder bringst du den Teller in die Küche? Sondern: Bring bitte den Teller in die Küche!)
    • Hören Sie bitte auf mit ihm zu schimpfen oder ihn zu tadeln, geschweige denn zu bestrafen (in der Moderne nennen wir Strafen nicht mehr Strafen, sondern Konsequenzen). Das Problem bei Strafen, Tadel und dem Schimpfen, abgesehen davon, dass sie nichts bringen, besteht darin, dass Kinder es als Angriff auf sich persönlich und ihrer Integrität erleben. Sie fühlen sich dadurch also herabgesetzt und entwürdigt, was zu den Ihnen bekannten Reaktionen führen kann.
    • Reden Sie bitte weniger mit Ihrem Sohn. Damit meine ich nicht, dass Sie das Verbalisieren, die Unterhaltungen und die Kommunikation mit ihm einstellen sollen. Hiermit meine ich das Zerreden und Diskutieren. Ihr Sohn ist, wie alle vierjährigen Kinder, Meister im Argumentieren, Diskutieren und Zerreden. Unser Problem als Eltern, besteht häufig darin, dass wir auf die Eingaben der Kinder einsteigen und Argumentationsketten aufbauen. Dabei verkennen wir, dass es für ein gleichberechtigtes Gespräch (Diskussion oder Argumentation) notwendig ist, dass beide Gesprächspartner ähnliche Wissensstände und Verarbeitungsmöglichkeiten haben. Ihr Sohn hat aber weder ihre logischen Fähigkeiten, noch Ihre emotionale Reife und ist deshalb nur bedingt zu einem Bedürfnisaufschub und adäquaten Umgang mit seinem Frust (Frustrationstoleranz) fähig. Somit wird eindeutig, dass die Diskussionen die manche Eltern auf Augenhöhe mit ihren kleinen Kindern führen möchten, zum Scheitern verurteilt sind, und enden nicht selten mit der Frage, die Eltern kleiner Kinder am häufigsten stellen: „Wie oft muss ich dir das denn noch sagen?“. Die Klarheit die hieraus resultiert gibt Ihrem Sohn Halt und Sicherheit.


    Sie sind eine gute Mutter, daran müssen Sie wieder glauben. Sie sind O.K. so wie Sie sind und so wie Sie sich verhalten. Je mehr Sie zulassen, dass ein Streit Sie verunsichert, desto mehr zweifeln Sie an sich selbst. Ihre Angst steigt mit dem Ärger (was soll noch alles werden… mein Gott, in zehn Jahren die Pubertät…). Das Dilemma besteht darin, wenn Sie Angst haben, können Sie Ihrem Sohn seine Angst nicht nur nicht nehmen, sondern beziehen ihn auch in Ihren eigenen Ängsten mit ein. Er ist dadurch überfordert und „kippt den Schalter um“.


    Seien Sie sich bitte Sicher, er meint es nicht persönlich!


    Beim nächsten Mal, würde ich an Ihrer Stelle einfach mal einen Schritt zurückgehen. Er stampft, schreit und tritt, Sie lassen ihn gewähren, beugen sich runter zu ihm, geben ihm ein Küsschen, oder werfen es ihm zu, und sagen ihm mit einem warmen Blick und in einem liebevollen Tonfall: „Ich hab dich auch lieb“, und ziehen sich aus der Situation zurück. Hier erlauben Sie ihm und ermöglichen ihm zeitgleich die Eigenständigkeit nach der er strebt. Alternativ können Sie ihn, wenn er gerade nicht selber zur Ruhe kommen kann, weil sein Erregungspegel sehr hoch ist, in den Arm nehmen und streicheln. Hiermit würden Sie ihm die wichtige Botschaft mitgeben, dass Sie bei ihm bleiben, auch wenn er wütend ist.


    Der zweite Schritt besteht nun darin, Ihrem Sohn beizubringen, dass es sich lohnt auf Sie zu hören, zu gehorchen. Beobachten Sie ihren Sohn in seinem Verhalten genau. Jedes Mal wenn er etwas machen möchte, fordern Sie ihn auf es zu machen, und loben ihn unmittelbar danach, wie klasse er ist, weil er auf Sie gehört hat (ohne mit ihm darüber zu diskutieren, auch wenn er argumentieren wird: „wollte ich doch sowieso machen“ – später mehr zum weniger Reden). Hierbei geht es darum, dass er lernt, dass es nicht schadet, sogar lohnenswert ist, auf seine Mutter zu hören.


    Macht Ihr Sohn etwas, was Sie nicht wollen, nehmen Sie ihn mit sanfter Kraft aus der Situation, geben ihm klare Anweisungen was Sie nicht wollen, und lassen Sie ihn etwas anderes machen (ablenken, und in der Ablenkung dürfen Sie kreativ sein angefangen von: mach mal das… bis hin zu: ist da ein Hubschrauber da draußen?)


    Ein weiterer Aspekt besteht darin, dass Kinder relativ schnell lernen, sich mit der negativen Zuwendung zu begnügen, und wir Eltern das positive Verhalten als gegeben sehen und nicht loben. Frei nach dem Motto, „Nicht geschimpft ist Lob genug“. Davon kann die Kinderseele eines vierjährigen aber keine Nahrung ziehen. Er benötigt Zuwendung und Zeit. Er ist darauf angewiesen, dass sich die Bindungspersonen intensiv mit ihm beschäftigen. Wenn es möglich wird, dass die Zuwendung, die Sie ihm geben positiv ist, also nicht Tadel…, wird Ihr Sohn mit der Zeit erleben, dass er es nicht nötig hat, negativ aufzufallen um beachtet zu werden.


    Ich hoffe, sehr geehrte Frau Susi_Mausi88, dass ich Ihnen mit meinen Eingaben nicht zu viel geschrieben habe. Wenn Sie Fragen oder weiteren Erläuterungsbedarf haben stehe ich gerne für Antworten zur Verfügung.


    Trotz allem viel Glück und Kraft in dieser schönen und segensreichen Weihnachtszeit.

  • Hallo Herr Bandali,


    vielen vielen Dank für diesen vielen praktischen Anregungen, um mit konflikthaften Situationen mit den "Kleinen" sinnvoll und vor allem wertschätzend umzugehen.
    Dieses Methodenrepeertoire kann sicherlich sehr hilfreich sein. Klasse.


    Herzliche Grüße
    Klara

  • Hallo,
    ich habe dazu auch mal eine Frage: Wie viele Trotzphasen gibt es denn eigentlich? Ich dachte immer, dass die schon mit 2 Jahren beginnen. Oder gehen die Trotzphasen nahtlos in die Pubertät über? ;)

  • Hallo Manuela,


    jedes Kind ist anders und mit 4 Jahren ist die so genannte "Trotzphase" ganz typisch. Und es geht ja nicht um "Trotz", sondern darum, seine zunehmende Selbstständigkeit zu erfahren und zu erleben und dadurch einen eigenen Kopf zu entwickeln. Die Pubertät geht, so aktuelle Studien, übrigens vom Teenageralter bis 25, manchmal sogar bis zum 30. Lebensjahr ;) . Und in der Pubertät baut sich das Gehirn um, ist tatsächlich eine große Baustelle, weshalb manche Verhaltensweisen und Reaktionen für Erwachsene dann so unlogisch und unverständlich sind.


    Klara

  • Na ihr macht einen ja Mut, im Moment ist doch wieder alles so schön ;-p


    Waren wir auch so? Höre immer nur, ich war ein tolles, einfaches Kind - puh, wahrscheinlich vergisst man das beim Aelter werden, wie ihr Frauen die Leiden der Entbindung ;-)
    VG

  • ich denke das die Trotzphasen schon mit einem Jahr beginnen, denn schon in dem Alter versuchen die lieben Kleinen ihren Willen durchgesetzen, nur da finden Eltern es noch sehr lustig und süß. Wenn man es genau nimmt, besteht das ganze Kinderleben aus irgendwelchen Phasen, und haben sie die eine durch, geht es nahtlos über in die nächste. Und ja, jede dieser Phasen wiederholen sich ständig bis hin zum erwachsen sein. Und um so größer die Kinder werden um so heftiger sind die Phasen, auch wenn sie sich immer wiederholen.

  • ich denke das die Trotzphasen schon mit einem Jahr beginnen, denn schon in dem Alter versuchen die lieben Kleinen ihren Willen durchgesetzen, nur da finden Eltern es noch sehr lustig und süß. Wenn man es genau nimmt, besteht das ganze Kinderleben aus irgendwelchen Phasen, und haben sie die eine durch, geht es nahtlos über in die nächste. Und ja, jede dieser Phasen wiederholen sich ständig bis hin zum erwachsen sein. Und um so größer die Kinder werden um so heftiger sind die Phasen, auch wenn sie sich immer wiederholen.

    Hallo,


    ich denke nicht, dass sich lebenslang so genannte "Trotzphasen" wiederholen und auch wissenschaftlich ist das alles andere als so erforscht und belegt. Man spricht in der Entwicklung eines Kindes dann von "Trotzphase", wenn Kleinkinder zunehmend ihre eigene Meinung und ihren eigenen Standpunkt entdecken. Wir entwickeln uns quasi von innen nach außen, entdecken mehr und mehr die Welt und unser Umfeld und nachdem zu Anfang als Säugling lediglich wichtig ist, genährt und versorgt zu werden wie gefüttert, gewickelt, gewaschen und gekuschelt, so werden unsere Wahrnehmungen und auch unsere Wünsche und Bedürfnisse immer komplexer.
    Entwicklungschritte mit Trotzphasen gleichzusetzen finde ich nicht richtig und das ist auch wissenschaftlich und pädagogisch betrachtet nicht korrekt.


    Klara

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