Waldorfpädagogik

Bei der Waldorfpädagogik handelt es sich um eine Form der sogenannten Reformpädagogik, die um 1920 von Rudolf Steiner nach der Grundlage der Anthroposophie entwickelt wurde. Konzipiert hatte er dieses pädagogische Prinzip für eine Stuttgarter Betriebsschule, die von den Kindern der Arbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik besucht wurde. Diese existiert übrigens bis heute unter dem Namen Freie Waldorfschule Uhlandshöhe. Nach dem Vorbild dieser Schule entstanden schon rasch auch in anderen Orten Waldorfschulen. Während Schulen mit diesem pädagogischen Konzept zunächst nur in Deutschland gegründet wurden, existieren Waldorfschulen heute weltweit, insgesamt sind es circa 1.040 Waldorfschulen sowie rund 2.000 Waldorfkindergärten in 60 Ländern.

 

Malen

 

Das ist der Begründer der Waldorfpädagogik

Der österreichische Publizist und Esoteriker Rudolf Joseph Lorenz Steiner gilt als Begründer der Anthroposophie, einer spirituellen Weltanschauung auf Basis der idealistischen Philosophie, der Gnosis, des Rosenkreuzertums und der modernen Theosophie. Diese wird den neuen mystischen Konzeptionen zugerechnet, die um 1900 die Einheit des Menschen mit der Welt postulierte. Der gebürtige Kroate begründete aber nicht nur die Waldorfpädagogik. Denn auf Basis der von ihm entwickelten Lehre gab er auch der Kunst, dem Sozialen, der Medizin, der Religion sowie der Landwirtschaft wertvolle Anregungen.

Rudolf Steiner selbst stammte aus einfachen Verhältnissen. Sowohl Vater als auch Mutter, Johann und Franziska Steiner, stammten aus dem Waldviertel in Niederösterreich. Der Vater war zunächst als Jäger und Förster tätig, quittierte aber den Dienst, als ihm die Hochzeit mit Franziska verweigert wurde und wurde anschließend bei der Südbahn-Gesellschaft, die im österreichischen Kaiserreich zahlreiche Bahnstrecken betrieb, als Bahntelegrafist eingestellt.

Rudolf Steiner soll bereits als Kind seine ersten Erfahrungen mit Hellsichtigkeit gemacht haben. Im Alter von sieben Jahren etwa hatte er eine Vision, in der er sah, wie seine Tante an einem weit entfernten Ort Suizid beging. Diese Erfahrungen konnte Rudolf Steiner allerdings mit niemandem teilen, weshalb er sich sehr oft in sich selbst zurückzog und damit begann, sich für Esoterik zu interessieren. Nachdem er die Dorfschule in Neudörfl, wo generationsübergreifend unterrichtet wurde, drei Jahre lang besucht hatte, bestand Steiner schließlich die Aufnahmeprüfung für die Bürgerschule in Wiener Neustadt, wo er ein besonderes Interesse für die Geometrie entwickelte.

 

Rudolf Steiner

Rudolf Steiner im Alter von 44 Jahren, Quelle Wikipedia

 

Anschließend besuchte Rudolf Steiner die Realschule in Wiener Neustadt und erhielt ein Stipendium, das ihm in den Jahren von 1879 bis 1883 in Wien das Studium der Mathematik sowie der Naturwissenschaften ermöglichte. Des Weiteren besuchte er Fächer in weiteren Lehrveranstaltungen, etwa in Geschichte, Literatur und Philosophie. Diese besuchte er auch an der Wiener Universität. Hier hatte er allerdings lediglich einen Gaststatus, da er die Matura in Latein nicht abgelegt hatte. Das Studium musste Rudolf Steiner wegen finanzieller Schwierigkeiten jedoch nach acht Semestern ohne Abschluss 1883 beenden. In seinen Wiener Jahren lebte Rudolf Steiner anschließend zwischen 1884 und 1890 bei der jüdischen Familie Specht, die Steiner als Haus- sowie Nachhilfelehrer eingestellt hatte.

Zwischendurch war Steiner nach Deutschland gegangen. Der Grund: Ohne Examen blieb es ihm in Österreich verwehrt, einen akademischen Grad zu erreichen, während sich die deutschen Universitäten in diesem Punkt etwas flexibler zeigten. Allerdings scheiterte er 1884 in Jena mit dem Versuch, eine Dissertation abzulegen, was er sieben Jahre später an der Rostocker Universität erneut versuchte. Hier hatte er mehr Glück und konnte nach der mündlichen Prüfung, die am 23. Oktober 1891 stattfand, zum Dr. phil. promovieren. Seine Doktorarbeit trug den Titel „Wahrheit und Wissenschaft – Vorspiel einer Philosophie der Freiheit“ und wurde ein Jahr später in leicht abgeänderter Form veröffentlicht.

 

Die frühen Jahre von Rudolf Steiner

Zwischen 1882 und 1897 gab Rudolf Steiner die naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes heraus, ab 1890 als Mitarbeiter des Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs, das kurz zuvor gegründet worden war, zuvor im Rahmen der „Deutschen Nationalliteratur“, die vom Schriftsteller Joseph Kürschner herausgegeben wurde. Steiners Aufgabe bestand hier darin, philosophische Einleitungen sowie erläuternde Kommentare zu verfassen. Damit trug Rudolf Steiner erheblich dazu bei, dass Goethe in der Öffentlichkeit nicht nur als Dichter, sondern auch als Naturwissenschaftler wahrgenommen wurde. Jedoch wurde von Kritikern bemängelt, dass Steiner in den Einleitungen nicht die Weltanschauung Goethes, sondern seine eigene darlegte. Des Weiteren trat Steiner als Herausgeber der Werke von Jean Paul, eines deutschen Dichters, und des Philosophen Arthur Schopenhauer in Erscheinung. Zudem arbeitete er zeitweise als Redakteur der „Deutschen Wochenschrift“, die in Wien erschien. Die publizistische Tätigkeit reichte jedoch nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, weshalb er auch als Erzieher und Lehrer arbeitete.

 

Wichtige Kontakte in der Wiener Zeit

In seinen Wiener Jahren zwischen 1879 und 1890 pflegte Rudolf Steiner zahlreiche Kontakte, unter anderem zu Friedrich Eckstein, einem Esoteriker. Dieser machte ihn sowohl mit der von Helena Petrovna Blavatsky begründeten Theosophie sowie mit Rosa Myreder, einer Frauenrechtlerin bekannt. Diese war seine wichtigste Gesprächspartnerin, während Rudolf Steiner seine eigene Freiheitsphilosophie ausgestaltete. 1892 zog er schließlich bei Anna Eunike, die als Witwe fünf Kinder zu versorgen hatte, ein und heiratete diese später.

Während dieser Jahre verfasste Rudolf Steiner einige philosophische Werke wie „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goethe’schen Weltanschauung“ oder „Wahrheit und Wissenschaft“ An diese Frühwerke knüpfte das Ende 1893 erschienene „Philosophie der Freiheit“ an, das Steiner Zeit seines Lebens als bedeutendstes Werk betrachtete und 1918 in einer überarbeiteten Fassung erneut publizierte.

Seine eigene Erkenntnistheorie hatte Rudolf Steiner entwickelt, während der sich mit den naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes auseinandersetze. Als entscheidenden Faktor betrachtete Steiner die „Beobachtung“ des eigenen Denkens, was er als wichtigste Wahrnehmungsleistung eines Menschen bezeichnete. Der Grund: Seiner Meinung nach kann ein Mensch nur das völlig durchschauen, was er selbst denkt. Jede Art von Sein, die sich weder durch Denken noch durch Wahrnehmung erfahren lässt, wies er hingegen zurück, weil es sich dabei seiner Meinung nach um „unhaltbare Hypothesen“ handle. Damit stellte er sich auch gegen die an den Universitäten gelehrte Philosophie, die wesentlich von Kant geprägt war.

 

Der Publizist Rudolf Steiner

Seinen Lebensunterhalt bestritt Rudolf Steiner stets teilweise mit der Tätigkeit als Herausgeber. Beispielsweise gab er das in Berlin erscheinende „Magazin für Literatur“ gemeinsam mit Otto Erich Hartleben von 1897 bis 1900 heraus. In diesen Jahren publizierte Steiner auch zahlreiche Aufsätze, in denen er sich politischen, philosophischen und künstlerischen Themen widmete. Diese redaktionelle Aufgabe legte er allerdings nieder, nachdem es zuvor zu massiven Auseinandersetzungen mit dem Nietzsche-Archiv gekommen war.

In jenen Jahren befand sich Rudolf Steiner in einer ernsthaften finanziellen Notlage und die Gerüchteküche kolportierte, dass er Alkoholiker sei. Seinen Lebenswandel hatte er schließlich ab der Jahrhundertwende komplett geändert. Ab 1903 wandte sich Rudolf Steiner verstärkt Außenseiterkreisen zu, die oftmals proletarisch geprägt waren.

 

Rudolf Steiner in der Theosophischen Gesellschaft

Weil Rudolf Steiner als Kenner von Nietzsche bekannt war, hielt er nach dessen Tod Vorträge über den radikalen Denker. Rasch wurden Theosophen, die Rudolf Steiner bis dahin abgelehnt hatte, zu seinem wichtigsten Publikum. Schließlich wurde er sogar zum Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gewählt, die 1902 gegründet wurde. Hierbei handelte es sich um eine esoterische Vereinigung, die teilweise als obskur galt. Die Mitglieder waren auf der Suche nach einem neuen spirituellen Weltbild. Während in der Theosophischen Gesellschaft der Orientalismus gepflegt wurde, erhob Steiner den Anspruch, eine eigenständige Theosophie zu entwickeln, die dem abendländischen Geistesdenken entsprach. Die Lehre, die Rudolf Steiner vertrat, legte er erstmals 1904 in dem Buch „Theosophie“ dar.

 

Die späten Jahre des Rudolf Steiner

Schließlich hatte Steiner mit der Theosophischen Gesellschaft gebrochen und wandte sich nunmehr verstärkt der Architektur und der Kunst zu. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte er auch politisch. Beispielsweise veröffentlichte er anno 1919 einen „Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt“, in dem er die klassischen Anliegen von nationalen und konservativen Kreisen vertrat – als besonderes Anliegen galt ihm die Kriegsschuldfrage.

Des Weiteren entwickelte Rudolf Steiner in den Nachkriegsjahren eigene Ideen und erwies sich in zahlreichen Lebensbereichen als Erneuerer und Impulsgeber. Neben der Pädagogik widmete er sich nunmehr dem Sozialsystem, der Kunst und der Medizin.

 

Waldorf-Puppe

 

 

Die Grundlagen der Waldorfpädagogik

Die Grundlage für die Waldorfpädagogik bildet das anthroposophische Menschenbild, das Rudolf Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. Er versuchte, nach dem Sinne der sozialen Dreigliederung die Grundsätze der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, die Gleichheit in politischen Gemeinschaften und die Freiheit der Kultur in der Praxis umzusetzen.

Dafür ging Rudolf Steiner von einer Drei- und Viergliederung des Menschen aus und band die Temperamentenlehre mit ein. Hierbei handelt es sich um ein Persönlichkeitsmodell, das aus der antiken Vier-Säfte-Lehre abgeleitet ist und den Menschen gemäß seiner Grundwesensart einordnet.

Die Dreigliederung eines Menschen besagt nichts anderes, als dass sich jeder Mensch in Seele, Geist und Leib aufteilt. Daraus wiederum leitete Rudolf Steiner ab, dass der Mensch gleichberechtigt in Denken, Fühlen und Wollen geschult werden müsse.

Die Viergliederung eines Menschen hingegen bedeutet, dass es neben dem physischen Körper noch drei weitere „Wesensglieder“ gibt, die sich nur auf übersinnlicher Ebene wahrnehmen lassen. So werden die Wachstumskräfte nach Steiners Dafürhalten vom Ätherleib getragen, während der Astralleib das Seelenleben trägt. Das Ich hingegen sei ein geistiger Kern eines Menschen, der unsterblich sei. Weil jedes dieser verschiedenen Glieder in bestimmten Zeitpunkten die übersinnliche Hülle verlassen – was in einem Abstand von sieben Jahren erfolge - wird die Entwicklung eines Kindes auch in sogenannte Jahrsiebte eingeteilt, also in Abschnitte von jeweils sieben Jahren.

 

Das Bild vom Kind in der Waldorfpädagogik

Waldorf-Pädagogen betrachten das Kind als noch nicht erwachsen. Es müsse sich erst einmal entwickeln, damit es später voll „funktionstüchtig“ im Sinne der Gesellschaft wird. Anders als Erwachsene braucht das Kind jedoch einen Schonraum, damit die Kräfte heranreifen können.

 

Das Bild vom Lernen in der Waldorfpädagogik

Nach den Lehren Rudolf Steiners vollzieht sich die Entwicklung eines Kindes in einem Rhythmus von sieben Jahren. Demnach handelt es sich bei einem Kind im ersten Jahressiebt in erster Linie um ein nachahmendes Wesen, das die Verhaltensweisen der Erwachsenen nachahmt. Im zweiten Jahressiebt hingegen benötigt das Kind die Autorität des Erziehers. Der zu-erziehende Mensch will in diesem Lebensabschnitt nämlich einen Menschen um sich haben, zu dem er aufschauen kann und der ihm dennoch nahe steht. Allerdings darf die Autorität des Erziehers nicht auf Zwang beruhen.

Im dritten Jahressiebt entsteht im Jugendlichen schließlich ein eigenes, persönliches Innenleben. Der Jugendliche möchte nun den Sinn und Zweck der Dinge und auch seines eigenen Lebens erforschen. Laut Rudolf Steiner zeichnet sich das vierte Jahressiebt schließlich durch Persönlichkeitsreife und Mündigkeit aus.

 

Welche Rolle spielt die Erzieherin?

In der Waldorfpädagogik nimmt die Erzieherin eine Vorbildfunktion ein, schließlich nimmt ein Kind alles Vorgegebene auf und verinnerlicht dies. Von der Erzieherin wird deshalb neben einem großen Einfühlvermögen auch eine optimistische Grundhaltung erwartet. Die Erzieherin soll vor allem im zweiten Jahrsiebt eine autoritäre Ausstrahlung haben. Darüber hinaus besteht die Aufgabe der Erzieherin darin, die Umwelt für die Kinder passend und ansprechend zu gestalten, um dem Kind harmonische Sinneseindrücke zu vermitteln. Des Weiteren müssen die künstlerische Gestaltung sowie die rhythmische Körperbewegung von der Erzieherin gefördert werden.

 

Das zeichnet die Waldorfpädagogik aus

Die heutige Waldorfpädagogik verfolgt nach wie vor das Ziel, das Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule in Stuttgart verwirklichte: soziale Gerechtigkeit im Bildungswesen. Junge Menschen sollen gemeinsam eine Bildung erhalten, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihrer Begabung und ihren Berufswünschen. Die Waldorfschulen haben als erste Gesamtschule das Prinzip der Auslese, das mit dem vertikalen Schulsystem verbunden ist, durch eine Pädagogik ersetzt, in der die Schüler gefördert werden.

Deshalb durchlaufen alle Schüler zwölf Schuljahre, ohne während der schulischen Laufbahn sitzenbleiben zu können. Ausgerichtet ist der Lehrplan an Waldorfschulen deshalb auch auf die Weite der geistigen und seelischen Begabungen und Veranlagungen, die in den Kindern vorhanden ist. Bereits ab dem ersten Schuljahr steht deshalb neben den sachbezogenen Unterrichtsgebietern vor allem ein vielseitiger künstlerischer Unterricht auf dem Lehrplan. Der Hintergrund dafür besteht darin, dass schöpferische Fähigkeiten sowie Erlebniskräfte gefördert werden sollen, die sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft insgesamt enorm wichtig sind. Dass der Unterricht mit einem Schwerpunkt auf die künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten hin ausgerichtet ist, hat folgenden Hintergrund: Dadurch soll einerseits der Willen des Kindes differenziert ausgebildet werden, andererseits dient dies der lebenspraktischen Orientierung.

 

Der Lehrplan: entwicklungsorientiert

Ein äußerst wichtiges Prinzip für die Ausgestaltung des Lehrplans liegt bei Waldorfschulen darin, dass die Unterrichtsinhalte und -formen auf die Prozesse des kindlichen Lernens abgestimmt sind. Ferner werden die verschiedenen Stufen der menschlichen Entfaltung in der Kindheit und der Jugend berücksichtigt. Von Schulbeginn an ist der Unterricht daraufhin ausgerichtet, die menschliche Freiheit zu entwickeln.

 

Der bildhafte Unterricht

Während der ersten Schuljahre gilt der „bildhafte“ Unterricht als wesentliches Kriterium an Waldorfschulen. Der Grund: In diesen Jahren reift die eigene Urteilskraft der Kinder heran. Deshalb behandeln die Lehrer die Tatsachen so, dass jeder Schüler neben dem Anschaulichen auch das Wesenhafte sowie das Gesetzmäßige aller Dinge im Sinn von echten Bildern verstehen, aber auch erleben lernen kann.

 

Der wissenschaftliche Unterricht

Ab dem 14. Lebensjahr steht das Streben nach einer eigenen Urteilsbildung und Lebensgestaltung im Vordergrund. Dies wird vom neunten bis zum zwölften Schuljahr durch einen wissenschaftlichen Charakter in vielen Unterrichtsfächern unterstützt. Eine voruniversitäre Ausbildung wird von Waldorfschulen allerdings nicht als pädagogische Aufgabe gesehen. Vielmehr soll der Unterricht inhaltlich so vertieft werden, dass er sich mit den Lebensfragen eines jungen Menschen verbinden lässt und Antworten auf alle wichtigen Fragen gibt.

 

Der Epochenunterricht

Der Epochenunterricht gilt in der Waldorfpädagogik als wichtiges Werkzeug, um den Unterricht so ökonomisch wie möglich zu gestalten. Dieser wird in jenen Fächern praktiziert, in denen verschiedene Sachgebiete inhaltlich geschlossen abgehandelt werden können. Dazu gehören neben der Mathematik und den Naturwissenschaften unter anderem auch Deutsch sowie Geschichte. Bei Fachgebieten, die einer fortlaufenden Übung bedürfen – dazu gehören neben Fremdsprachen, die an Waldorfschulen ab dem ersten Schuljahr angeboten werden, vor allem der künstlerische Unterricht – erfolgt der Unterricht in Fachstunden. Allerdings sind in den vergangenen Jahren einige Waldorfschulen dazu übergegangen, auch hier in einem stärkeren Ausmaß Epochenunterricht durchzuführen.

 

Die Zeugnisse und die Abschlüsse

Neben der Auslese haben Waldorfschulen auch das in staatlichen Schulen übliche Zensurensystem abgeschafft. In den Zeugnissen wird jeder Schüler möglichst deutlich charakterisiert. Neben der Leistung werden zudem der Leistungsfortschritt, das Bemühen sowie die Begabungslage in den verschiedenen Fächern dargestellt. Abschließen können die Schüler die Waldorfschule wahlweise mit der Mittleren Reife, dem Fachabitur oder dem Abitur, was aber auch an einer Waldorfschule erst nach 13 Schuljahren möglich ist. Bezüglich der Abschlüsse halten sich die Waldorfschulen an die Regularien, die im jeweiligen Bundesland gelten.

 

Wie finanzieren sich Waldorfschulen?

Zwar sind Waldorfschulen weltweit fachlich anerkannt und als Schulen in freier Trägerschaft verfassungsrechtlich den staatlichen Schulen gleichgestellt. Dennoch sind erhebliche Bemühungen in der Verwaltung und der Politik notwendig, damit diesem Umstand sowohl bei der Schulaufsicht als auch bezüglich der Finanzierung Rechnung getragen wird. Waldorfschulen erhalten in Deutschland staatliche Zuschüsse, diese decken die Betriebskosten aber nur teilweise, weshalb die Eltern zur Finanzierung beitragen müssen. An den meisten Schulen sind die jeweiligen Beiträge nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt.

 

Kritik am Prinzip der Waldorfpädagogik

Ebenso wie die Anthroposophie ist auch die Waldorfpädagogik immer wieder Kritik ausgesetzt. Die häufigsten Vorwürfe lauten, dass die Kinder in Waldorfkindergärten und -schulen in einem Schonraum seien und dass es sich hierbei um eine „weltfremde“ Pädagogik handle, die manipulativ und ideologisch sei.

 

Welches Menschenbild zeichnet die anthroposophische Geisteswissenschaft?

Bevor die erste Waldorfschule in Stuttgart im September 1919 ihre Pforten öffnete, hielt Rudolf Steiner für die Lehrer der ersten Stunde einen Grundkurs ab, der sowohl menschenkundlich als auch methodisch-didaktisch gestaltet war und den er später durch weitere Vorträge und Kurse in einigen Ländern Europas ergänzte. Einige Elemente, die Steiner in der Waldorfschule umsetzte, fanden auch Eingang in die Regelschulen verschiedener Länder. Dazu gehören etwa der Verzicht auf Notenzeugnisse als Mittel zur Selektion, Handwerk und Kunst als Mittel der Erziehung einzusetzen oder die Koedukation. Andere Elemente der Waldorfschulen wie etwa der Unterricht in Latein oder Griechisch entsprachen sowohl den Zeitverhältnissen als auch den behördlichen Vorschriften.

Auch wenn sich der Lehrplan in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat, bildet das anthroposophische Menschenverständnis nach wie vor die Grundlage der Waldorfpädagogik. Um dieses Menschenverständnis zu veranschaulichen, veröffentlichte Rudolf Steiner 1924 entsprechende Leitsätze. Die zentrale Aussage lautet: „Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte.“ Hinter diesem Satz stecken drei Kernaussagen: „Es gibt ein Geistiges in jedem Menschen“, „Auch der sichtbaren Welt um uns liegt ein unsichtbar Wirksames zugrunde, das es zu entdecken und erforschen gilt“ und „Die Anthroposophie ist kein Glaubensinhalt, sondern die Anregung, einen Weg der Erkenntnis zu beschreiten, der gleichzeitig ein Weg der Selbstentwicklung ist, ein Weg, der die eigene geistige Kraft im Menschen aktiviert“.

Im Grunde versteht sich die Anthroposophie also als Anregung, in den verschiedensten Lebensgebieten diesen Forschungsweg zu beschreiten. Für die Pädagogik bedeutet das, dass sich jeder Mensch schrittweise zur freien Selbstbestimmung entfalten können soll. Bei der Waldorfpädagogik handelt es sich also keinesfalls um eine dogmatische Anwendungspädagogik, sondern um eine Pädagogik, in der das Individuum im Vordergrund steht. In seinem Aufsatz „Freie Schule und Dreigliederung“ schreibt Rudolf Steiner dazu: „Was gelehrt und erzogen werden soll, das soll nur aus der Erkenntnis des werdenden Menschen und seiner individuellen Anlagen entnommen sein. Wahrhaftige Anthroposophie soll die Grundlage der Erziehung und des Unterrichts sein.“

Die wesentliche Aufgabe des Erziehenden liegt also darin das Wesen, das zur freien Selbstbestimmung befähigt und in jedem Menschen verborgen ist, zu fördern. Natürlich sollen die Erziehenden auch Sorge dafür tragen, dass dieses die Möglichkeit hat, sich gesund zu entwickeln. Die Voraussetzung dafür besteht darin, die Entwicklungsbedingung zu kennen. Denn das individuell Einmalige zeigt sich in jedem Lebensalter in einer anderen Gestalt. Deshalb ist es notwendig, es auch der Entwicklung des Kindes entsprechend jeweils anders anzuregen und zu fördern.

 

Videos zur Waldorfschule

Waldorf 100 - Der Film
Waldorfschule - Was ist daran so anders?
Waldorf Fingerspiele "Pflaumenbäumchen"

Webtipps zur Waldorfschule

Bund der Freien Waldorfschulen

Bund der Freien Waldorfschulen

Der Bund der Freien Waldorfschulen richtet sich an Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, sowie an alle Interessierten der Waldorfpädagogik. Außerdem kann man hier die nächste Waldorfschule in der Region suchen.

Erziehungskunst.de

Erziehungskunst

"Erziehungskunst - Waldorfpädagogik heute" ist ein monatlich erscheinendes Magazin für alle Eltern und Lehrer an Waldorfschulen und Interessierte der Waldorfpädagogik.