Beeinflussen ADS/ADHS-Kinder andere Kinder?

  • Meine kleine Tochter hat eine Freundin, die viele mit ADS o.ä. abstempeln würden. Deshalb schreibe ich meine Frage mal unter dieses Thema.
    Das Mädchen ist sehr lebhaft, aufgedreht und kann sich kaum auf etwas konzentrieren, weil sie wirklich von allem abgelenkt wird. Es dauert manchmal länger bis man zu ihm durchdringt, weil es einem gar nicht gleich wahrnimmt, wenn anderes gerade interessant ist. Es ist außerdem albern, macht einen auf Kasper, spielt gern den Alleinunterhalter.
    Die Eltern gehen damit ganz gut um und widersetzen sich diesem "mit Medikamenten gegen ADS/ADHS-Trend". Das Kind ist dennoch sehr sozial und sehr beliebt. Eben auch bei meiner Tochter. Sie spielen regelmäßig miteinander und mir fällt nun folgendes auf:


    Meine kleine Tochter imitiert sie. Sie wird ähnlich albern, nutzt die gleichen Wörter und spielt auch so abgelenkt. Deutlich wird es z.B. beim "bettfertig machen". Da ist sie plötzlich nicht mehr bei der Sache, albert rum, nutzt Phantasienamen für sich selbst, aber man merkt noch ganz gut, dass es ein Ausprobieren ist von "so zu sein wie ihre Freundin".


    Mir ist klar, dass das Imitieren anderer bei Kindern völlig normal ist. Aber dennoch werden Kinder doch von ihrem Umfeld geprägt. Sogar bei Erwachsenen sagt man "Man ist die Summer der 5 Personen, mit denen man sich am meisten umgibt". Was würdet ihr machen? Würdet ihr mehr darauf achten, dass sich diese Freundin und "normale Kinder" die Waage halten? Wir also gucken, dass es verschiedene Spielfreunde sind und nicht überwiegend diese Freundin? Oder stell ich mich jetzt an?

  • da ich ja mehr als reichlich Erfahrungen mit ADHS Kindern habe, billde ich mir ein, sagen zu können: " nein, du stellst dich nicht an "!


    Mein mittlerer Sohn hat auch ADHS und das sehr schlimm. Mein Kleiner schaut sich all diese Unarten vom Großen ab. Egal ob es Albernheiten sind, Frechheiten, Ausraster, Schimpfwörter, einfach alles.
    Kinder erkennen halt nicht, das solch ein Verhalten nicht gut für sie sind.
    Aus persönlichen Gründen führe ich seit 3 Monaten keinen Kontakt mehr zu meinem mittleren Sohn, und siehe da, mein Kleiner hat sich total verändert! Er ist wieder zugänglich, aufmerksam, man kann wieder mit ihm reden , er ist nicht mehr so alber und so weiter.


    Ich sage dir jetzt nicht damit, das deine Tochter nicht mehr mit diesem Mädel spielen soll, denn dieses Mädel hat sicher schon genug zu leiden. Aber ich möchte dir schon raten mit deiner Tochter zu sprechen. Versuche ihr zu erklären, das du ihre Freundin ganz toll findest, aber das sie doch lieber sie selbst sein / bleiben soll, da du sie so liebst wie sie ist.

  • Hallo Manuela,


    danke für Ihre Frage, die ich sehr spannend finde.


    Und ich kann mich im Grunde Gilfy anschließen: Ja, es kann durchaus sein, dass ADHS-Kinder andere Kinder mit ihrem Verhalten beeinflussen. Allerdings gilt dies auch umgekehrt, dass "andere" Kinder ADHS-Kinder beeinflussen können. :D


    In der Psychologie nennt man dieses Phänomen "Lernen am Modell" und es bedeutet, dass wir alle von unserem Umfeld beeinflusst werden. Wir können hierbei bewusst am "Modell" lernen, uns also bewusst Dinge/ Verhaltensweisen von anderen Menschen abschauen, z.B. weil sie für uns Vorbilder oder gar Idole sind und diese Verhaltensweisen durch Nachahmung übernehmen - und ebenso greift dieser Mechanismus auch unbewusst.


    Auch besitzen wir Menschen die so genannten Spiegelneuronen, die uns ermöglichen, dass wir uns in andere Menschen einfühlen können, die also Empathie überhaupt erst möglich machen. Durch die Spiegelneuronen, die bei jedem Menschen individuell ausgeprägt sind, sind wir in der Lage, uns auf andere Menschen "einzuschwingen" und so die Beziehunng zu stärken. Wir übernehmen z.B. bestimmte Formulierungen, einen Dialekt, das Sprechtempo, die Art zu lachen usw. Auch dies schwingt in Ihrem Falle sicherlich mit, da Ihre Tochter das andere Mädchen ja sehr zu mögen scheint.


    Es wäre also wichtig, dass Sie Ihrem Kind dieses Nachahmen bewusst machen, indem sie erklären, was Ihnen auffällt. Und die Frage ist sicherlich auch, wie Gilfy es schon formuliert hat, ob es für Ihre Tochter nicht sinnvoll ist, weniger zu versuchen, wie die Freundin zu sein und mehr sich selbst zu finden.


    Ich würde Ihnen davon abraten, den Umgang mit dem Mädchen zu verbieten. Möglicherweise ist ein Einschränken hilfreich, um Ihrer Tochter den Unterschied in ihrem Verhalten zu verdeutlichen.


    Alles Gute
    Klara

  • Wie klein ist denn deine Tochter? Ich würde sie schon weiter zusammen spielen lassen, aber vielleicht nicht jeden Tag.
    Wenn sie auch in Kiga/Schule die ganze Zeit herumhängen, würde ich die Zeiten noch weiter herunterschrauben. Vielleicht schaffst du es, dass die Waagschale der Verabredungen mit nicht ADHS-Kindern schwerer wiegt als die Waagschale mit der Freundin. Ist natürlich immer schwierig, denn Kinder wollen manchmal am liebsten täglich mit der besten Freundin /besten Freund spielen.

  • Fast 5.
    Puh, ich habe mich bei meiner Frage schon fast rassistisch gefühlt und gedacht, ihr werde wegen "mangelnder Gleichstellung" an die Wand gestellt. ;-)
    Freundschaft kündigen kommt natürlich nicht in Frage, aber ich werde gucken, dass wir unsere Verabredungen etwas mehr mit anderen ausgleichen können.
    Danke! :-)

  • Ein Kind mit ADHS hat es von Natur aus schon sehr schwer, wird oft gemieden und nicht akzeptiert. Ganz wichtig finde ich halt, das dieses betroffene Kind auch merkt, das es bei euch willkommen ist.
    Vielleicht wäre es für dich eine Option, wenn deine Tochter mit diesem Mädel bei euch Zuhause spielt. Da hast du die Kinder im Blick und kannst zur Not einsvhreiten, wenn da gerade was läuft, was dir nicht gefällt. So hast du auch die Möglichkeit mit dem ADHS Kind zu sprechen, sie besser kennen zu lernen und ihr wenn es not tut, auch zu erklären , wenn mal was nicht ok ist.


    Ich wünsvhte das es bei meinem Sohn damals so gelaufen wäre, dann wäre er nicht in ein tiefes schwarzes Loch gefallen und hätte sicher mit manchen besser umgehen können.

  • Mein Sohn war früher in einem "integrativem Kindergarten". Nicht, weil er es selbst brauchte, sondern weil der Kindergarten in unserer Nähe war und ich es gut finde, wenn Kinder schon in jungen Jahren Kontakt mit Menschen haben, die "anders sind". Ich merke es selbst an mir, dass man sonst so unsicher gegenüber solchen Menschen wird.
    Mein Kind hat davon sehr profitiert, glaube ich. In seiner Gruppe waren ganz unterschiedliche Kinder, ADHS, starke Schwerhörigkeit, sehbehindert, geistig behindert,... Aber von jedem dieser besonderen Kinder nur eins, der Großteil der Gruppe war "normal". Im Nachhinein muss ich sagen, dass das Konzept sehr durchdacht war und mehr Nachahmer bräuchte. So haben die Kinder alle ein paar Begriffe in der Gebärdensprache gelernt usw. Leider wurde dieser Kiga vor zwei jahren geschlossen.

  • Hallo Annike,


    ja, das ist ein sehr interessantes Konzept und auch ein sehr wertvolles, um Ausgrenzung und Stigmatisierung zu vermeiden und um Toleranz zu üben und Mitgefühl.
    Das Thema Inklusion ist aktueller denn je und spannend finde ich auch Inklusionsklassen in Grundschulen, in denen dann Kinder mit Behinderung gemeinsam mit nicht behinderten Kindern gemeinsam lernen.


    Klara

  • Ich glaube auch, dass in solchen Kindergärten und auch in der Grundschule wichtige Grundsteine für die spätere Toleranz gelegt werden. Ich denke, Kinder, die mit behinderten Kindern zusammen Kindergarten oder Grundschule besuchen, würden solche Kinder später nicht einfach wegen ihrem "Anderssein" ärgern.

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