Waldorfkindergarten

1. Bedeutung und Entstehung von Waldorfkindergärten

Der Waldorfkindergarten ist eine vorschulische Einrichtung, die Pädagogik gemäß dem anthroposophischen Menschenbild vollzieht. Die Anthroposophie ist eine stark spirituell geprägte Weltanschauung, die vom österreichischen Philosophen Rudolph Steiner begründet wurde. Entsprechend liegt den Waldorfkindertageseinrichtungen die besondere pädagogische Idee der Anthroposophie zugrunde, die den Menschen in

  • Leib,
  • Seele,
  • Geist und
  • Ich

 

gegliedert betrachtet und entsprechend eine derart ausgerichtete Erziehung ins Zentrum stellt. Der erste Waldorfkindergarten wurde im Jahr 1926 in Stuttgart gegründet und war ein Betriebskindergarten für den Nachwuchs der Mitarbeiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria. Daraus haben sich bis zum heutigen Tag fast 550 Waldorfkindergärten in Deutschland und rund 2.000 Waldorfkindergärten weltweit entwickelt.

 

2. Das Menschenbild laut Waldorfpädagogik

Das Menschenbild der Waldorfpädagogik ist anthroposophisch geprägt und stellt philosophisch-spirituelle Auffassungen in den Mittelpunkt. Demnach wird der Mensch als bestehend aus Leib, Seele, Geist und Ich betrachtet. Diese Wesensglieder des Menschen sind ebenso ein Kernelement des anthroposophischen Menschbilds wie die so genannte Dreiheit, die besagt, dass beim menschlichen Leben und Erleben in Denken, Wollen und Fühlen unterschieden werden muss. Darüber hinaus folgt die Anthroposophie dem Gedanken der Reinkarnation, basierend auf der Annahme, dass der Geist unsterblich ist.

 

Waldorfpuppe

 

Im pädagogischen Sinne ist natürlich die anthroposophische Erziehung zwingend von dem Bestreben geprägt, Wesensglieder und Seelenaktivitäten gleichermaßen zu erkennen und zu fördern. Dabei geht die Waldorfpädagogik davon aus, dass jeder Mensch eigenverantwortlich ist, so dass Erziehung vielmehr Selbsterziehung bedeuten muss. Orientiert an den jeweiligen Entwicklungsständen soll jedes Kind darin gefördert werden, seine Individualität zu entfalten.

 

3. Waldorfkindergärten und ihr pädagogisches Konzept

Als Ableitung vom anthroposophischen Menschenbild betrachtet die Waldorfpädagogik Kinder als geteilt in Leib, Seele, Geist und Ich sowie das seelische Erleben in Denken, Wollen und Fühlen samt der Zuordnung zu organischen Zuständigkeiten. Davon ausgehend ist es Ziel der Waldorfpädagogik, die Kinder ganzheitlich in diesen elementaren Bereichen zu fördern. Dabei verfolgt man die pädagogische Auffassung, dass Kinder am besten durch Imitation lernen. Den Erzieherinnen in Vorbildpositionen kommt also eine elementare Bedeutung zu – sie nehmen laut Waldorfpädagogik prägenden Einfluss auf die Kinder. Eine feste Bezugsperson ist von Beginn an charakteristisch für die Eingewöhnung in einen Waldorfkindergarten.

 

Diese Bezugspädagogik soll den Kindern einen geschützten Lebensraum schaffen, in dem sie sich sicher und geborgen fühlen und entwickeln können. Dieses Ziel soll außerdem durch feste Strukturen erreicht werden, die sich in wiederkehrenden Tages- und Wochenabläufen widerspiegeln. Wiederholung wird zur pädagogischen Konstante.

 

Die Kindergartenausstattung verzichtet größtenteils auf Spielzeug sondern zieht eher Materialien der Natur heran. Der Alltag ist massiv durch jahreszeitliche Zusammenhänge geprägt. Eurythmie als bewegungsfokussierte Form der zwischenmenschlichen Interaktion hat in den meisten Waldorfkindergärten seinen festen Platz.

 

4. Zielgruppe der Waldorferziehung

Waldorfkindergärten werden vorrangig für Kinder im „typischen Kindergartenalter“ also von 3 bis 6 Jahren, beziehungsweise bis zum Eintritt in die Schule, angeboten. Darüber hinaus gibt es punktuell auch Einrichtungen, die Kinderkrippen für Kinder unter 3 Jahren oder Hortplätze für die nachschulische Betreuung unterhalten. Der ganzheitliche Ansatz macht auch die Eingewöhnung von Integrationskindern möglich.

 

Vor diesem Hintergrund steht es prinzipiell allen Eltern frei, ihr Kind im Waldorfkindergarten anzumelden. Das spezielle Konzept der Anthroposophie legt jedoch eine gewisse Affinität zu den pädagogischen Inhalten nahe. Die Eltern sollten für ihre Kinder eine enge Bindung zu den betreuenden Erziehern wünschen und sich mit klaren Alltagsstrukturen im Kindergartenablauf anfreunden können. Naturnähe bei weitgehendem Verzicht auf künstliche Spielmaterialien sowie eine primäre Selbsterziehung dürfen kein Problem sein.

 

5. Der Alltag im Waldorfkindergarten

Bei Waldorfkindergärten steht Struktur weit oben – ihr wird ein hoher Stellenwert im Rahmen der kindlichen Entwicklung zuteil. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Tagesabläufe des Waldorfkindergartens für dieses pädagogische Konzept charakteristisch sind und durchaus so manchen Abgrenzungspunkt gegenüber konzeptionell anders arbeitenden Kindertageseinrichtungen vorweisen:

 

Strukturierte Tages-, Wochen- und Jahresabläufe

Gemäß dem anthroposophischen Menschenbild zur kindlichen Entwicklung brauchen Kinder für ihr gesundes Wachsen Geborgenheit und Sicherheit, die ihnen nur ein klarer Lebensrhythmus geben kann. Folglich weisen alle Kindergartentage den gleichen Ablauf, wenngleich mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt, auf. Die täglich wechselnden Inhaltsangebote wiederholen sich wiederum im Wochenturnus. Auch der Jahresverlauf nimmt einen wichtigen Platz in der rhythmischen Alltagsstrukturierung ein – zu den Jahreszeiten mit ihren Naturentwicklungen und Festlichkeiten wird ein konkreter Bezug genommen.

 

Aktivität und Passivität

Im Tagesrhythmus des Waldorfkindergartens muss stets ein klar definierter Platz für Zeiten kindlicher Aktivität und Passivität vorgesehen sein. Dies bedeutet, dass die Kinder drinnen wie draußen frei spielen können und im Gegensatz dazu auch konkrete Anregungen durch die jeweilige Betreuungsperson erhalten. Für beide Phasen werden im Tagesverlauf ebenso wie für Wach- und Schlafphasen klare Zeiten vorgesehen.

 

Naturnähe

Der Waldorfkindergarten verzichtet nicht gänzlich auf künstliche Spielgeräte, allerdings stehen Naturnähe und Naturverbundenheit im Fokus, so dass vielmehr natürliche Materialien ohne Nutzungsspezifikation angeboten werden. Ergänzt wird dies durch die jahreszeitliche Strukturierung, die abermals natürliche Spielanregungen liefert.

 

Bezugspädagogik

Basierend auf der Annahme, dass Kinder am besten durch Nachahmung lernen und nur dann Sicherheit und Geborgenheit erfahren, wenn sie von einer klaren Struktur und Zuständigkeit umgeben sind, arbeitet der Waldorfkindergarten mit Bezugserziehern. Jedes Kind hat einen primären Ansprechpartner als Bezugsperson.

 

6. Pro Waldorfkindergarten

  • Im Waldorfkindergarten werden Kinder besonders stark behütet
  • Die Waldorfpädagogik arbeitet als ganzheitlicher Ansatz unter Berücksichtigung verschiedener Entwicklungsaspekte
  • Musische und kreative Erziehung werden in den Fokus gerückt
  • Naturmaterialien ohne Nutzungsbestimmung fördern Kreativität und Fantasie
  • Mit Lernen durch Nachahmung arbeitet der Waldorfkindergarten mit einer wissenschaftlichen Lerntheorie
  • Eltern werden im Waldorfkindergarten in baulichen und finanziellen Fragen stark eingebunden
  • Feste Strukturen und Bezugspersonen sind besonders für zurückhaltende Kinder eine gute Wahl

 

7. Kontra Waldorfkindergarten

  • Waldorfkindergärten basieren auf der anthroposophischen Weltanschauung – einem sehr speziellen Konzept
  • Eltern müssen sich zumindest in den Grundzügen mit der Anthroposophie identifizieren können
  • Es besteht eine latente Gefahr der Überbehütung
  • Erzieher haben stark prägenden Einfluss
  • Keine Elternbeteiligung in pädagogischen Prozessen
  • Hohe Kosten für die Kindergartenbeiträge

 

8. Träger und Kostenpunkt bei Waldorfkindergärten

Waldorfpädagogik wird aufgrund des sehr spezialisierten Konzepts und der dahinter stehenden anthroposophischen Weltanschauung ausschließlich in speziellen Einrichtungen praktiziert. Diese unterliegen zumeist der Trägerschaft eines eingetragenen Vereins, der in der Regel von interessierten Eltern initiiert wird. Geleitet wird ein Waldorfkindergarten üblicherweise von einer pädagogischen Fachkraft, die mit der Philosophie Rudolph Steiners vertraut und darin geschult ist.

 

Die Kosten, die für die Betreuung im Waldorfkindergarten zu entrichten sind, sind variabel und hängen davon ab, ob die zuständige Kommune die Waldorfinstitution staatlich fördert und bezuschusst. In diesem Fall werden für einen Regelplatz mit Betreuung von 8.00 Uhr bis 12.30 Uhr im Durchschnitt 100 Euro fällig und damit kaum mehr als in einer staatlichen Kindertageseinrichtung. Längere Betreuungszeiten verursachen natürlich höhere Kosten.

 

Jenseits der staatlichen Bezuschussung werden Waldorfkindergärten jedoch deutlich teurer und beginnen bei 400 Euro für die Regelbetreuung am Vormittag. Kosten für Mittagsverpflegungen sind gesondert zu entrichten.

 

9. Wechsel in ein adäquates Schulsystem

Wer im Laufe der Kindergartenjahre im Waldorfkindergarten von den anthroposophischen Ideen Rudolph Steiners überzeugt wurde, hat die Möglichkeit sein Kind anschließend in eine Waldorfschule einzubinden. Diese befinden sich in freier Trägerschaft eines Waldorf Schulvereins und müssen somit als Privatschulen eigenfinanziert werden.

 

Waldorfschulen können sowohl als Grundschulen als auch als weiterführende Schulen konzipiert sein. In der Regel handelt es sich jedoch um eine allgemeinbildende Schule, welche die Klassenstufen 1 bis 13 integriert. Neben dem speziellen Waldorfabschluss, der in der Bundesrepublik keine staatliche Anerkennung genießt, können an einer Waldorfschule üblicherweise alle im jeweiligen Bundesland gängigen Schulabschlussprüfungen abgelegt werden.  

 

Jenseits der freien Waldorfschule steht der Einschulung eines Kindes in eine Regelschule oder ein anderweitiges Schulsystem auch nach Besuch eines Waldorfkindergartens nichts im Wege.