Spielzeugfreier Kindergarten

1. Definition und Geschichtliches des spielzeugfreien Kindergartens

Die Idee des spielzeugfreien Kindergartens ist ein Modell, welches im Jahr 1992 als Projekt entstand. Hintergrund war die Zusammenkunft eines Arbeitskreises, der sich mit dem Thema Sucht beschäftigte und dabei der These folgte, dass Suchtprävention nur dann gelingt, wenn die Kinder zum aktiven, von eigenen Antrieben gelenkten Spiel, zurückfinden können. So entstand in Kooperation mit Jugend- und Gesundheitsamt ein erster spielzeugfreier Kindergarten als Modellprojekt zur Suchtprävention bei Kindern.

 

Die Namensgebung „Spielzeugfreier Kindergarten“ ist dabei sehr irreführend, denn es handelt sich bei nach diesem Konzept arbeitenden Kindertageseinrichtungen keineswegs um solche, die auf jegliches Spielmaterial verzichten. Stattdessen werden die vorhandenen Spielsachen bewusst ausgewählt. Damit soll der kindlichen Überflutung mit Fertigspielzeug begegnet werden und die Kinder stattdessen erfahren, welche Möglichkeiten sie haben, sich selbst zu beschäftigen und damit auch selbst aktiv zu werden. Die Erzieherinnen dienen dabei als hilfreiche Stütze und beobachten die Kindern nicht nur, sondern geben auch punktuelle Anregungen zu Spielideen. Damit rückt die Bedeutung des Spiels in ein völlig neues Licht.

 

Spielzeugfreier Kindergarten

 

Der spielzeugfreie Kindergarten kann als eigenständige Einrichtung bestehen, prinzipiell in seiner Modellhaftigkeit jedoch in jeder Kinderbetreuungsinstitution zum Einsatz kommen. Nicht selten werden in vielen Kindertagesstätten in Anlehnung an das Konzept spielzeugfreie Wochen initiiert.

 

2. Das Menschenbild im spielzeugfreien Kindergarten

Grundsätzlich handelt es sich bei dem spielzeugfreien Kindergarten um ein Modell, welchem kein eigenes Menschenbild zugrunde liegt und das auch in jeder Kindertageseinrichtung, unabhängig vom jeweiligen Träger, zur Anwendung kommen kann. Folglich herrscht in diesen Institutionen stets ein differentes Menschenbild, welches eben trägergeprägt ist, vor. Nichtsdestotrotz gibt es weltanschauliche Aspekte, die hinter dem Wunsch nach einem spielzeugfreien Kindergarten stehen.

 

So werden Kinder in ihrer Fantasie und ihrer Kreativität wahrgenommen, die es im Spiel zu unterstützen und zu fördern gilt. Dabei muss das Spiel sich stets an den tatsächlichen Bedürfnissen der anvertrauten Kinder orientierten. Deren Leben ist in der modernisierten Welt stark vom Konsumgedanken beeinflusst, weshalb der spielzeugfreie Kindergarten es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen geschützten Bereich zu schaffen, der genau dieser Konsumentwicklung entgegenwirkt. Der spielzeugfreie Kindergarten soll den Kindern ihr eigenes Potenzial vergegenwärtigen und sie darin anleiten, dieses nicht zur zu erkennen, sondern auch zu nutzen und gleichzeitig ihre Grenzen zu erfahren.

 

3. Pädagogisches Konzept spielzeugfreier Kindergärten

In seinem ursprünglichen Konzept verfolgte der spielzeugfreie Kindergarten das Ziel, auf kindlicher Ebene eine adäquate Suchtprävention zu leisten. Heute ist diese Zielsetzung weitgehend in den Hintergrund gerückt. Stattdessen greifen derartige Institutionen in das exzessive Konsumverhalten der modernen Welt ein und versuchen den Kindern einen geschützten (Frei-)Raum zu schaffen, in dem sie fernab des Materialismus agieren und interagieren können. Im Kern geht es darum, durch intensive Eigenbeschäftigung die Persönlichkeitsentwicklung positiv zu beeinflussen und einen adäquaten Weg aus Frustrationsschleifen zu entwerfen. Eine Wegbewegung von der Spielzeugfixierung mit einer Zuwendung zur Selbstbeschäftigung ist das A und O. Dabei wird auch dem Nichtstun seine Zeit eingeräumt und dieses als wichtiges Element im kindlichen Lernprozess betrachtet, da Kinder in ruhigen Phasen beobachten und auf eine besondere Art interagieren.

 

Gänzlich wird natürlich auch im spielzeugfreien Kindergarten nicht auf Spielmaterialien verzichtet, diese sind jedoch bewusst ausgewählt und haben nur wenig mit dem konsumierten Fertigspielzeug gemeinsam. Naturmaterialien, Tücher, Kisten, Schachteln, Kissen und Decken stehen im Zentrum und sollen von den Kindern im Sinne des Spiels zweckentfremdet werden.

 

Trotz dieser weitreichenden Freiräume der Kinder erleben diese im spielzeugfreien Kindergarten auch Regeln, Strukturen und Rhythmen, die ihnen Sicherheit bieten und eine angemessene Vertrauensbildung unterstützen. Sowohl Eltern als auch Öffentlichkeit werden stark in das Geschehen im spielzeugfreien Kindergarten eingebunden.

 

4. Zielgruppe des spielzeugfreien Kindergartens

Bezüglich der Altersstruktur kommt es bei der Zielgruppendefinition des spielzeugfreien Kindergartens darauf an, ob lediglich Kindergartenplätze vorgehalten werden oder eben auch Hort- und Krippenkinder sich angesprochen fühlen sollen. Wichtig ist, dass grundsätzlich auch Integrationskinder das Angebot des spielzeugfreien Kindergartens nutzen können.

 

Wesentlich zentraler als das Alter ist allerdings die Grundeinstellung der Familie gegenüber der doch sehr speziellen Arbeitsweise derartiger Kindergärten. Zwar müssen diese den Fertigspielwaren keineswegs negativ gegenüber gestellt sein und dürfen diese zuhause auch getrost verwenden, eine grundsätzliche Offenheit gegenüber dem konsumgeschützten Rahmen ist dennoch unabdingbar und sollte nicht nur toleriert werden, sondern einen festen Platz in der eigenen Weltanschauung finden.

 

5. Typischer Tagesablauf in spielzeugfreien Kindertageseinrichtungen

Der spielzeugfreie Kindergarten muss als Modell verstanden werden, sozusagen als eine alternative Form des Spiels. Ein charakteristischer Tagesablauf kann deshalb nur schwer skizziert werden. Stattdessen ist es vielmehr so, dass der spielzeugfreie Kindergarten enorm von der Spontanität der Kinder lebt, weshalb eine detaillierte Durchstrukturierung des Kindergartenalltags grundsätzlich nicht zu finden ist. Nichtsdestotrotz gibt es Grundcharakteristiken, die für den Alltag im spielzeugfreien Kindergarten typisch sind:

 

  • Der Kindergartenmorgen wird zumeist mit einem Morgenkreis eingeleitet.
  • Die Kinder haben größtmögliche Entscheidungsfreiheit, bestimmen also ihre Frühstückszeit ebenso selbst wie die Wahl ihres Spielpartners sowie der Spielmaterialien.
  • Die Erzieherinnen greifen primär nicht in das Spielgeschehen ein, sondern halten sich als Beobachter im Hintergrund und treten erst dann in Erscheinung, wenn das Wohl des Kindes nicht mehr gewährleistet ist.
  • Die Kinder genießen ein großzügiges Mitbestimmungsrecht beispielsweise hinsichtlich der Frage, welche Spielmaterialien zum Einsatz kommen dürfen.
  • Das Geschehen ist stark an den individuellen und auch wechselnden Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet.

 

Der Einstieg in einen spielzeugfreien Kindergarten ist für viele Kinder nicht einfach, da sie in ihrem Alltag jenseits des Kindergartens sehr konsumgeprägt sind. Besuchen sie von Beginn an den spielzeugfreien Kindergarten, so fällt diese Umstellung deutlich leichter. Steht jedoch ein Einrichtungswechsel an oder möchte die besuchte Institution sich nun als spielzeugfreier Kindergarten etablieren, so ist die starke Einbeziehung von Eltern und Kindern in die Wandlungsprozesse unabdingbar.

 

6. Vorteile einer spielzeugfreien Kinderbetreuung

  • Fantasie und Kreativität der Kinder werden in besonderem Ausmaß gefördert
  • dem „Bespielen“ der Kinder wird eine klare Absage erteilt
  • die Kinder erhalten viele Freiräume, die sie mit Leben füllen und die sie nutzen, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten
  • Bedürfnisse können durch diese Freiräume wesentlich schneller befriedigt werden
  • Konsumterror und Spielzeugüberflutung wird entgegengewirkt
  • spielzeugfreie Kindergärten stärken nachweislich das Selbstbewusstsein und die Lebenskompetenzen
  • nach wie vor wird die Idee der kindlichen Suchtprävention im spielzeugfreien Kindergarten verfolgt

 

7. Nachteile der spielzeugfreien Kinderbetreuung

  • schüchterne Kinder können in diesem System „untergehen“, da sie länger für eine Kontaktaufnahme zu anderen benötigen
  • es entwickelt sich ein hoher Lärmpegel, der als Stressor wirkt
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizite können entstehen
  • defizitäre Bereiche werden nur unzureichend gefördert, da Kinder bevorzugt den für sie einfachsten Weg gehen
  • die Frustrationstoleranz wird in diesem Kindergartenkonzept nicht nachhaltig ausgebildet
  • eine explizite Schulvorbereitung geschieht nicht

 

8. Trägerschaft und Kosten spielzeugfreier Kindergärten

Spielzeugfreie Kindergärten arbeiten nach einem eindeutigen Konzept, welches jedoch keinem speziellen Träger zugeschrieben werden kann. Folglich kann prinzipiell jeder Kindergarten spielzeugfrei arbeiten.

 

Daraus ergibt sich, dass die zu entrichtenden Elternbeiträge sich an den jeweiligen Trägern orientieren. Sie variieren nach Personaleinsatz, Einkommen der Eltern, Anzahl der zu betreuenden Kinder einer Familie sowie nach der Betreuungsintensität. Jenseits dieser Regelbeiträge ist allerdings mit einer Forderung als Familie zu rechnen. Eine intensive Elterneinbindung geht mit diversen persönlichen Einsätzen einher. In jedem Fall sind die Eltern jedoch dazu aufgerufen, am Zusammentragen der Spielmaterialien mitzuwirken, wenngleich dies nicht zwingend mit Kosten verbunden sein muss.

 

9. Schulsystem nach dem spielzeugfreien Kindergarten

Eine Schule, die in Anlehnung an den spielzeugfreien Kindergarten agiert, existiert nicht. Einer solchen Entwicklung stehen die geltenden Curricula der Bundesländer entgegen. Demzufolge ist die Wahl der geeigneten Schule prinzipiell jedem freigestellt. Rein konzeptionell ist der spielzeugfreie Kindergarten jedoch am ehesten mit Freinet und Montessori Einrichtungen zu vergleichen, so dass beispielsweise ein Übergang in die Montessorischule durchaus eine Option sein kann. Ansonsten existieren in Deutschland punktuelle Schulstätten, die zumindest ansatzweise an die Grundgedanken des spielzeugfreien Kindergartens anknüpfen.