Integrativer Kindergarten

1. Definition und Entstehung integrativer Kindergärten

Ein integrativer Kindergarten ist eine Kindertageseinrichtung, die dem Prinzip der Inklusion folgt. Inklusive Pädagogik bedeutet dabei, dass die Vielfältigkeit der Kinder als gegeben hingenommen wird. Bildung und Erziehung müssen damit unabhängig von den individuellen Möglichkeiten und Voraussetzungen jedem gleichermaßen gewährt werden. Für den integrativen Kindergarten bedeutet dies, dass in ihm Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam betreut und gefördert werden. Welcher Natur die vorherrschende Einschränkung ist und ob diese auch ärztlich diagnostiziert wurde, spielt nur eine nachgeordnete Rolle.

 

Die Entstehung integrativer Kindergärten geht auf die pädagogischen Anfänge der speziellen Erziehung und Förderung behinderter Kinder zurück, für die sich bereits Pestalozzi stark machte. Im 18. Und 19. Jahrhundert war es dem Engagement von Lehrern, christlichen Mitarbeitern und Medizinern zu verdanken, dass auch Behinderte entsprechend ihrer individuellen Ressourcen eine Bildung erfahren durften. Es dauerte allerdings noch bis in die 1960er Jahre hinein, ehe pädagogische Institutionen für Behinderte entstanden sind.

 

Integrativer Kindergarten

 

Diese waren allerdings noch weit von den integrativen Kindergärten der heutigen Zeit entfernt. Viele Jahre sozialwissenschaftlicher Forschung waren notwendig ehe klar wurde, dass die gemeinsame Betreuung und Förderung behinderter und nicht behinderter Kinder für alle Seiten Vorteile bringen kann. Es dauerte noch bis in die 1980er Jahre, ehe der Integrationsgedanke Fuß fassen und somit die ersten integrativen Ansätze in Kindertageseinrichtungen Einzug halten konnten.

 

2. Das Menschenbild in integrativen Kindergärten

Das Menschenbild in integrativen Kindergärten ist grundsätzlich stark vom Gedanken der Inklusion geprägt - die Menschen werden in ihrer Vielseitigkeit wahrgenommen und akzeptiert. Dabei gilt jedes Kind als einzigartig und zeigt Unterschiede gegenüber anderen und zwar sowohl körperlich als auch geistig, intellektuell, emotional und sozial. Genau diese Individualität und Komplexität macht die kindliche Persönlichkeit wertvoll und schutzwürdig, wobei jedem Kind das Recht auf eine Entfaltung seiner Persönlichkeit zugesprochen wird, woran es selbst aktiv und kompetent beteiligt ist. Im Zentrum bleibt als Grundtenor der Inklusion allerdings die Leitlinie, dass niemand aufgrund seiner ihm eigenen Besonderheiten benachteiligt oder ausgeschlossen werden darf.

 

Jenseits dieser inklusiven Menschenauffassung kann ein integrativer Kindergarten durch das jeweilige Menschenbild des Trägers geprägt sein. Herrscht in staatlichen Institutionen somit eine starke Anlehnung an die Menschenrechte des Grundgesetzes vor, so sind es die religiösen Weltanschauungen, die in kirchlichen Einrichtungen richtungsweisend agieren.

 

3. Pädagogisches Konzept der Integration

Kernelemente des pädagogischen Konzepts integrativer Kindergärten ist die gemeinsame Betreuung und Förderung von Kindern mit und ohne Behinderung unter Akzeptanz und ohne Wertung dieser Andersartigkeiten, die als gegeben hingenommen werden. Logischerweise macht diese gemeinsame Betreuung von Kindern mit unterschiedlichen Bedarfen eine besondere Personalstruktur erforderlich. So werden in integrativen Kindergärten die Personalschlüssel so berechnet, dass auf weniger Kinder mehr Pädagogen entfallen. Dabei ist die Beschäftigung speziell ausgebildeter Integrationsfachkräfte für einen integrativen Kindergarten obligatorisch.

 

Darüber hinaus zielt das pädagogische Konzept integrativer Kindergärten auf eine größtmögliche Partnerschaft aller an der Erziehung beteiligter Personen ab. Vor allem an der engen Einbindung der Eltern lässt sich dies erkennen. Die Förderung von kommunikativen und sozialen Fähigkeiten wird ins Zentrum der Pädagogik gerückt.

 

Obwohl Integration und Inklusion der integrativen Kindergärten bereits eigene pädagogische Konzepte ergeben, schließt dies eine Involvierung anderer pädagogischer Ansätze nicht aus. Teiloffene, offene oder geschlossene Gruppenarbeit können ebenso verfolgt werden wie der situative Ansatz. Interessanterweise lässt sich beobachten, dass die meisten integrativen Kindergärten den pädagogischen Prinzipien Maria Montessoris folgen.

 

4. Zielgruppe integrativer Kindergärten

Die spezielle Konzeption der integrativen Kindergärten spricht behinderte und nicht behinderte Kinder gleichermaßen an. Familien mit einem behinderten Kind müssen dabei den integrativen Kindergarten als für ihr Kind interessante Alternative zum Sonderkindergarten ansehen. Eltern nicht behinderter Kinder sollten sich bestenfalls mit den soziologischen Gedanken der Integration und Inklusion identifizieren und an einer gesellschaftlichen Eingliederung Behinderter in alle Lebensbereiche interessiert sein und genau diese Werte ihrem Kind auch vermitteln wollen.

 

In diesem Sinne richten sich integrative Kindergärten folglich an Kinder zwischen 3 und 6 Jahren, wobei pro Gruppe in der Regel maximal fünf Kinder mit Einschränkungen aufgenommen werden. Auch Kinderkrippen und –horte mit integrativen Ansätzen existieren sporadisch. Eine Aufnahme von schwerst mehrfach behinderten Kindern ist leider aufgrund der tatsächlichen Betreuungsintensität nicht möglich.

 

5. Alltag im integrativen Kindergarten

Im Umgang mit behinderten Kindern sind Strukturen von immenser Bedeutung. Feste Tagesabläufe geben Fixpunkte, an denen die Kinder wichtige Orientierungshilfen finden. Genau aus diesem Grund ist in integrativen Kindergärten häufig eine klar definierte Tagesstruktur zu erkennen:

 

Bringzeit

Im Rahmen der Bringphase, die in der Regel bis 9 Uhr andauert, werden die Kinder von ihren Eltern in den Kindergarten gebracht und dort von den Erzieherinnen in Empfang genommen. Bis zum offiziellen gemeinsamen Beginn können die Kinder sich im Freispiel beschäftigen.

 

Morgenkreis

Zum Setzen eines klaren Startpunkts werden in integrativen Kindergärten Morgenkreise veranstaltet, während denen die Planungen der Woche oder des Tages besprochen werden. Die Kinder haben hier ebenfalls die Möglichkeit, für sie wichtige Dinge zu erzählen.

 

Freispiel

Im Rahmen des Freispiels besteht für behinderte und nicht behinderte Kinder die Möglichkeit, sich in ihrem Interesse zu beschäftigen. Dies kann mit Spielen am Tisch, in Funktionsräumen, auf dem Freigelände oder innerhalb gezielter Angebote und Projekte der Erzieherinnen geschehen. Diese Zeit ist auch dafür vorgesehen, behinderte Kinder gezielt zu fördern.

 

Erste Abholzeit

Kinder in Halbtagesbetreuung werden in der Regel zwischen 11.30 und 13.00 Uhr, je nach individuell gebuchter Betreuung, abgeholt.

 

Mittagsbetreuung

Für Kinder, die sich auch in der Nachmittagsbetreuung des integrativen Kindergartens befinden, wird die Nachmittagszeit mit einem gemeinsamen Mittagessen und einer anschließenden Ruhephase eingeläutet. Danach wird der Nachmittag im Freispiel oder mit gelenkten Projekten verbracht.

 

In diesem allgemeinen Aufbau unterscheidet sich der integrative Kindergarten nur wenig von nicht integrativen Betreuungseinrichtungen. Einzig das starre Einhalten der definierten Struktur kann als Besonderheit im Tagesablauf betrachtet werden.

 

Damit ein integrativer Kindergarten allerdings im Sinne der Kinder arbeiten kann, braucht er speziell ausgebildetes Personal, welches sich als Stützpädagogen um die Belange der behinderten Kinder kümmert. Diese Stützpädagogen sind zumeist Erzieherinnen mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung. Sie begleiten die Kindergartengruppe während des Morgens und sind für die Durchführung gezielter Förderangebote mit den behinderten Kindern zuständig. Außerdem geben sie erforderliche Hilfestellung in Spiel- und Alltagssituationen.

 

6. Vorteile integrativer Kindergärten

  • Kinder mit und ohne Einschränkungen beziehungsweise Behinderungen leben aktiv in einer Gemeinschaft zusammen
  • gegenseitige Rücksichtnahme wird zum zentralen Thema
  • integrative Kindergärten schulen das Sozialverhalten bereits in jungen Jahren
  • behinderte und nicht behinderte Kinder können voneinander lernen
  • Andersartigkeit wird zur Selbstverständlichkeit, Ausgrenzung ist kein Thema
  • integrative Kindergärten erziehen zur Toleranz
  • behinderte Kinder erfahren hier eine ganzheitliche Förderung
  • der Personalschlüssel dieser Einrichtungen ist meist großzügig berechnet
  • die Kindergartengruppen sind kleiner gehalten als in anderen Einrichtungen
  • die Beschäftigung von Fachkräften sorgt dafür, dass bei allen Kindern, also auch den nicht behinderten Kindern, eventuell auftauchende Probleme frühzeitig erkannt werden
  • zumeist arbeiten solche Einrichtungen mit hochwertigen Spielmaterialien

 

7. Nachteile integrativer Kindergärten

  • Kindergartenbeiträge in integrativen Einrichtungen sind meist höher als anderswo
  • trotz besserer Personalschlüssel ist häufig ein Personalmangel gegeben
  • speziell ausgebildete Integrationsfachkräfte sind eher selten vor Ort
  • in den meisten integrativen Kindergärten sind tatsächlich nur wenige Plätze als echte Integrationsplätze ausgewiesen
  • daraus resultierend haben Integrationskinder häufig eine lange Wartezeit bis zur Aufnahme
  • nicht selten sind derartige Kindergärten mit Vorurteilen konfrontiert
  • die räumlichen Rahmenbedingungen integrativer Kindergärten sind oftmals nicht behindertengerecht

 

8. Trägerschaft und Kosten

Integration ist ein bildungspolitisch brisantes Thema, welches im Zuge anstehender Wahlkämpfe immer wieder für Furore sorgt. Folglich muss im Sinne der frühkindlichen Bildung Inklusion bereits im Kindergarten beginnen und genau diese Idee verfolgen integrative Kindergärten.

 

Ob ein Kindergarten nach dem Prinzip der Inklusion arbeitet, hat primär nichts mit seiner jeweiligen Trägerschaft zu tun. Im Umkehrschluss kann jeder Träger einen integrativen Kindergarten eröffnen. Für die Praxis bedeutet dies, dass interessierte Eltern bei

 

  • sozialen Institutionen wie AWO, Caritas oder Diakonie,
  • in der Integration Behinderter tätigen Einrichtungen wie die Lebenshilfe,
  • konfessionellen Kitas,
  • Städten und Gemeinden sowie
  • über Elterninitiativen

 

einen integrativen Kindergarten erschließen können. Ein individuelles Erfragen in der jeweiligen Institution ist damit unabdingbar.

 

Gleiches gilt auch für die Kostengestaltung, die in den integrativen Kindertageseinrichtungen trägerindividuell definiert werden kann. Die Spanne des preislich Möglichen ist dabei sehr breit und reicht von 60 Euro bis hin zu 300 Euro je nach individueller Kostendefinition des Trägers. Manche Institutionen sehen auch eine Beitragsermittlung nach Einkommen der Eltern vor.

 

Die massive Preisdiskrepanz ergibt sich aus der unterschiedlichen Betreuungsintensität behinderter und nicht behinderter Kinder. Für Kinder ohne intensiven Betreuungsbedarf fällt üblicherweise der geringste Beitragssatz an, wenngleich dieser aufgrund des besseren Personalschlüssels über den der nicht-integrativen Institutionen liegt. Behinderte Kinder hingegen werden in den integrativen Kitas rein beitragstechnisch häufig als Krippenkinder behandelt und folglich mit einem Preiszuschlag belegt. Für diesen Kostenaufschlag aufgrund intensiven Betreuungsbedarfs können die Eltern jedoch im Sinne der sozialgesetzlich geregelten Teilhabe Behinderter am gesellschaftlichen Leben eine Bezuschussung bei den zuständigen Sozialministerien beantragen. Etwaige Windelgelder oder Essensauslagen sind gesondert zu entrichten.

 

9. Schulkonzepte zur Inklusion

Für Kinder, die einen integrativen Kindergarten besuchen, muss bei der Auswahl des anschließenden Schulkonzepts unterschieden werden, ob eine Behinderung Grund für den Besuch einer konzeptionell auf Inklusion ausgerichteten Einrichtung war. Falls nicht, so kommen alle im deutschen Schulsystem zur Auswahl stehenden Einschulungsoptionen in Frage. Besteht hingegen eine Behinderung, so eröffnen sich den Eltern folgende Optionen:

 

  • Besuch einer integrativen Schule, die jedoch nicht flächendeckend im Bundesgebiet betrieben werden
  • Besuch einer speziellen Förderschule
  • Besuch einer Regelschule oder eines alternativen Schulsystems unter Zuhilfenahme eines Integrationshelfers oder eines Integrationspädagogen.