Freinet Kindergarten

 

1. Definition und Geschichtliches zum Freinet Kindergarten

Die Anfänge der Freinet Kindergärten gehen auf die 1920er Jahre zurück. Damals entwickelte der Franzose Célestin Freinet eine neue Lehre, die zunächst für das Pädagogische Tun in Schulen gedacht war. Den Hintergrund der Freinet Pädagogik bildete schon damals die Auffassung, dass Kinder durchaus kompetent in ihrer eigenen Entwicklung sind und demnach diese selbstbestimmt vorantreiben sollten. Aus dieser Ideologie entwickelte sich eine pädagogische Grundauffassung, die sich bis heute gehalten hat und die langjährige Erfahrung vor allem im Schulalltag vorweisen kann.

 

Die Inhalte der Freinet Pädagogik sind am ehesten mit dem situativen Ansatz in Kindergärten zu vergleichen. Im Zentrum stehen eine freie Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit und die Förderung deren größtmöglicher Selbständigkeit. Die Kinder lernen also durch das eigene Tun, wobei sie das uneingeschränkte Vertrauen der Erzieher in ihre Kompetenzen genießen. Genau aus diesem Grund greifen die betreuenden Pädagogen auch nur rudimentär in das Geschehen ein, so dass die Inhalte des Kindergartenalltags keine pädagogische Aufbereitung erfahren. Stattdessen bestimmen die Kinder ihren Tagesablauf selbst, wobei dem alltäglichen Tun sowohl spielerische als auch lernspezifische Elemente unterstellt werden. In diesem Lernverständnis ist nach Freinet Ideologie somit nicht das übergeordnete Ziel mit der größten Bedeutung behaftet, sondern der eigentliche Weg dorthin, der sich durch ein immenses Lernpotenzial auszeichnet.

 

Freinet Kindergarten

 

2. Das Menschenbild im Freinet Kindergarten

Das hinter der Freinet Pädagogik stehende Menschenbild wird am besten durch ein Zitat Célestine Freinets verdeutlicht. Dieser sagte: „Der Geist ist keine Scheune, die man füllt, sondern eine Flamme, die man nährt“. Diese wenigen Worte fassen treffend zusammen, welche Ideologie hinter der Freinet Pädagogik steckt. Demnach sind Kinder von Geburt an als eigenständige und selbstbestimmte Persönlichkeiten anzusehen und sollten niemals als unfertige Erwachsene verstanden werden. In ihren Besonderheiten haben sie einen natürlichen Drang zu lernen und zu erforschen und sind somit selbst am meisten an ihrer Entwicklung interessiert. In diesem Prozess bringen sie von vorne herein Potenziale mit, die gepaart mit Neugierte, Freude und Fragen zu einem aktiven Lernen beisteuern. Dieses leben sie aufgrund ihrer natürlichen Lebendigkeit selbstverständlich aus und müssen keineswegs eine „Befüllung“ von Außen erfahren. Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses vom Kind, vertraut die Freinet Pädagogik uneingeschränkt auf deren Fähigkeiten.

 

3. Pädagogische Konzepte in Freinet Kindergärten

Grundsätzlich basiert die Freinet Pädagogik auf vier Säulen:

  1. Kindliche Selbstverantwortung
  2. Freie Persönlichkeitsentfaltung
  3. Kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt
  4. Kooperative Zusammenarbeit und gegenseitige Verantwortungsübernahme

 

Im Zentrum des pädagogischen Geschehens der Freinet Kindergärten stehen also die Kinder selbst und zwar mit all ihren Wünschen und Bedürfnissen. Dabei handelt es sich um einen lebensweltorientierten Ansatz, so dass das tägliche Leben und Erleben der Kinder den Mittelpunkt des alltäglichen Geschehens bildet. Folglich dürfen sie sich auch während der Kindergartenzeit mit Dingen beschäftigen, die einen engen Bezug zu ihrer Lebenswelt haben. Die Kinder werden in ihren Stärken wahrgenommen, ohne die Schwächen zu fokussieren.  

 

Besonders charakteristisch für das pädagogische Konzept der Freinet-Institutionen ist die hohe Eigenverantwortlichkeit der Kinder. Diese übernehmen für sich selbst die Verantwortung und dürfen folglich ihren Alltag selbst bestimmen. Festgelegte Rhythmen und Tagesabläufe sucht man deshalb im Freinet Kindergarten vergeblich. Stattdessen dürfen die Kinder im Sinne der freien Entfaltung nach eigenen Vorlieben spielen und arbeiten. Gleichzeitig erfahren alle Kinder eine vollumfängliche Akzeptanz durch andere Kinder aber auch durch die Erzieherinnen. Diese fungieren lediglich als Beobachter und stehen bei Fragen hilfreich zur Seite, jedoch ohne bevormundend oder gar besserwissend einzuwirken. Damit werden sie zu engen Bezugspersonen in einem stark demokratischen Erziehungsmodell.

 

4. Zielgruppe des Freinet Kindergartens

Die Grundlagen der Freinet Pädagogik wurden eigentlich im schulischen Kontext gelegt, wo ein demokratisches Lehr- und Lernmodell seine Anfänge finden sollte. Folglich ist dieses Konzept hervorragend für die Hortbetreuung im nachschulischen Kontext geeignet. Die positive Resonanz führte dann allerdings dazu, dass die Freinet Pädagogik auch Einzug in den Kindergartenalltag hielt. Mittlerweile werden deshalb auch Kinder zwischen 3 und 6 Jahren sowie Krippenkinder nach Freinet Ideologie betreut.

 

Das demokratische und nahezu antiautoritäre Geschehen im Freinet Kindergarten setzt natürlich eine Identifikation mit diesem speziellen Konzept voraus. Eltern, die einen Freinet Kindergarten in Erwägung ziehen, sollten sich demnach mühelos mit einer größtmöglichen Selbstbestimmung ihrer Kinder zurechtfinden.

 

5. Der Tagesablauf im Freinet Kindergarten

Das besondere am Tagesablauf in einer Freinet Institution ist, dass es eben keine festgelegten Strukturen gibt. Sämtliches Tagesgeschehen entspringt den Wünschen, Vorstellungen und Ideen der Kinder und unterliegt damit einem täglichen Wandel. Auch die Inhalte sind stark variabel, da sie sich aus der aktuellen Lebenswelt der Kids ergeben. Vorgefertigte Strukturen und feste Rhythmen sucht man im Freinet Kindergarten demnach vergeblich. Nichtsdestotrotz gibt es im Freinet Kindergarten für diese Einrichtung charakteristische Elemente:

 

Kinderkonferenz

Da die Kinder ihren Tagesablauf weitgehend selbst bestimmen, brauchen sie einen Rahmen, in dem sie sich auf das anschließende Geschehen festlegen. Genau diesen Rahmen definiert die so genannt Kinderkonferenz, die zum Start des Kindergartenmorgens stattfindet. Hier haben die Kinder die Möglichkeit, auf Karten zeichnerisch festzuhalten, welche Wünsche sie für den anschließenden Kindergartenmorgen hegen. Aus den vorliegenden Ergebnissen wird nun demokratisch in der Gemeinschaft der Tagesablauf samt seiner Inhalte festgelegt. Auch scheinbar unmögliche Dinge sollen möglich gemacht werden. Während dieser Kinderkonferenzen, die zentraler Bestandteil der Freinet Einrichtungen sind, agieren die Erzieherinnen lediglich als Beobachter und greifen nur dann ein, wenn Hilfestellung ausdrücklich gewünscht wird.

 

Offene Gruppenarbeit

Im Sinne der Selbstbestimmung dürfen die Kinder sich frei in den Räumlichkeiten des Kindergartens bewegen und diesen in Gänze ausnutzen und vereinnahmen. Dies ist nur dann möglich, wenn aus festen Gruppenräumen verwendungsspezifische Funktionsräume werden. Genau deshalb finden sich in Freinet Institutionen spezialisierte Räumlichkeiten für Bewegung, Ruhe, Mahlzeiten, Rollenspiele und mehr.

 

Demokratie bei den Mahlzeiten

Auch bei den Mahlzeiten zeigt sich im Freinet Kindergarten, dass die Kinder hier weitgehend selbstbestimmt agieren. Entsprechend steht es ihnen frei, wann sie das Frühstück einnehmen. Auch beim Mittagessen besteht ein großzügiges Mitspracherecht, in dem die Kinder ihre Lieblingsspeisen aufschreiben.

 

Projektarbeit

Ergänzend zum freien Spiel im Freinet Kindergarten finden in diesen Institutionen auch Projektarbeiten statt. Deren Inhalte leiten sich allerdings situativ aus den Interessensbereichen der Kinder ab, während deren Teilnahme ausschließlich auf Freiwilligkeit basiert.

 

6. Vorteile von Freinet Einrichtungen

  • Kinder erreichen in diesen Einrichtungen eine frühe Selbständigkeit
  • das Sozialverhalten wird überdurchschnittlich gefördert
  • es bestehen größtmögliche Entfaltungsmöglichkeiten
  • Erzieherinnen dienen als Beobachter und geben keine vorgefertigten Strukturen vor
  • es finden sich nur solche Familien, die sich mit diesem speziellen Konzept identifizieren können
  • die spezielle Konzeption macht den Kindergartenbesuch bei den Kids beliebt

 

7. Nachteile von Freinet Einrichtungen

  • schüchterne Kinder kommen in ihren Bedürfnissen und Wünschen aufgrund des begrenzten Eingreifens durch die Erzieher nur schwer auf ihre Kosten
  • ein derartiges Arbeiten erfordert einen großzügigen Personalschlüssel, der mangels Fachpersonal nicht gewährleistet werden kann
  • die fehlende Tagesstruktur geht zu Lasten des Sicherheitsgefühls der Kinder
  • während Mitbestimmung durchaus vorteilhaft ist, gestaltet sich das alleinige Bestimmungsrecht der Kinder schwierig
  • viele Kinder brauchen Richtlinien und Grenzen, um sich optimal zu entfalten
  • zumeist neigen Kinder dazu, nur das zu tun, was sie können und mögen und vernachlässigen dadurch ihre Schwächen

 

8. Trägerschaft und Kosten in Freinet Institutionen

Freinet Pädagogik ist eine sehr spezialisierte Ideologie, die zwar auf Demokratie setzt, diese allerdings schon an die antiautoritäre Erziehung grenzen lässt. Deshalb ist die Trägerschaft zumeist bei entsprechenden Interessensgemeinschaften verortet. Vorrangig

 

  • Trägervereine und
  • Elterninitiativen

 

treten als Träger der Freinet Institutionen auf. Nur punktuell kann man auch

 

  • Städte,
  • Kreisverbände und
  • kirchliche Träger

 

mit der Freinet Pädagogik in Verbindung bringen.

 

Aus diesem Grund wird auch die Kostendefinition einer Kinderbetreuung im Freinet Kindergarten schwierig. So hängt der Elternbeitrag vom Träger, dem Einkommen der Eltern, den Personalkosten sowie dem jeweiligen Bundesland ab. Eine Regelbetreuung wird üblicherweise auf dem durchschnittlichen Beitragsniveau von rund 100 bis 150 Euro gehalten. Zusätzliche Ausgaben sind üblicherweise durch involvierte Fördervereine gedeckt.

 

9. Schulkonzepte nach Freinet Ideologie

Die Freinet Pädagogik fand ihre Entwicklung als Schulkonzept in Frankreich. Folglich ist diese Konzeption ideal auf schulische Belange anwendbar. Nichtsdestotrotz gibt es nur wenige Schulen in Deutschland, die sich als echte Freinet Schulen betiteln können. Zu Verinnerlichung überzeugender Freinet Ansätze werden aber auch manche Regelschullehrer im Rahmen von Fortbildungen über die Inhalte der Freinet Pädagogik geschult, so dass inhaltliche Ansatzpunkte auch in manchen Regelschulen zu finden sind. Wer jedoch den demokratischen Alltag der Freinet Ideologie wünscht, der ist tatsächlich am besten mit einer Freinet Schule oder den Konzepten nach Montessori oder Steimer beraten.