Bilingualer Kindergarten

1. Definition und Entstehung bilingualer Kindergärten

Hinter einem bilingualen Kindergarten verbirgt sich eine Kinderbetreuungseinrichtung, die auf dem Konzept der Zweisprachigkeit basiert. Entstanden ist die Idee in interkulturellen Brennpunkten, wo die Mehrsprachigkeit einen immer höheren Stellenwert einnahm. Aufgrund der Tatsache, dass zwischenmenschliche Kommunikation auch auf verbaler Ebene im gesellschaftlichen Miteinander immens wichtig ist, kam es vor allem in Deutschlands Grenzgebieten sowie in Stadtteilen mit einem hohen Ausländeranteil zur Idee, neben Deutsch als Muttersprache noch eine zweite Sprache zu etablieren. Nach zahlreichen wissenschaftlichen Forschungen und Erprobungen kam es so zu dem Konzept, dass Kinder im Kindergarten nunmehr zwei Sprachen erlernen und im Rahmen dieser gleichermaßen gefördert werden. Weiterentwickelt wurde dieser Gedanke aufgrund der Erfordernisse eines multikulturellen Lebens, das in einer globalisierten Welt und in einem vereinten Europa das Sprechen mehrerer Sprachen elementar werden lässt. Gerade das frühe Einführen der zweiten Sprache trifft dabei im Kindergarten auf ein großes Lernpotenzial, da Kinder dieses Alters besonders aufnahmebereit für derartige Inhalte sind.

 

Bilingualer Kindergarten

 

Anders als im Kindergarten mit punktuellen Sprachprojekten ist im bilingualen Kindergarten die zweite Sprache im Alltag etabliert und fester Bestandteil. So sollen die Kinder neben ihrer Muttersprache auf spielerische Art im Alltagsgeschehen die zweite Sprache erlernen. Der bilinguale Anteil daran besagt, dass zur Vermittlung dieser zweiten Sprache im Kindergarten diesbezügliche Muttersprachler beziehungsweise solche Fachkräfte, welche die zweite Sprache auf Niveau der Muttersprachler beherrschen, angestellt sind.

 

2. Das Menschenbild in bilingualen Kindergärten

Bilinguale Erziehung ist ein pädagogisches Konzept und keine Weltanschauung, so dass man ein derart ausgerichtetes Menschenbild nicht finden kann. Stattdessen richtet sich das Menschenbild am eigentlichen Träger, also beispielsweise der Kommune oder Kirche, aus. So nimmt der bilinguale Aspekt auch nur einen gewissen Teil des konzeptionellen Geschehens in Anspruch und wird um anderweitige Konzeptbestandteile ergänzt. Die spezielle Idee der mehrsprachigen Kommunikation kann allerdings mit der Integration anderer Kulturen verknüpft werden, so dass man im bilingualen Kindergarten von einer inter- und multikulturellen Erziehung und der Akzeptanz aller Kulturen gleichermaßen ausgehen darf.

 

3. Das pädagogische Konzept „Bilinguale Erziehung“

Wenngleich bilinguale Kindergärten mittlerweile in vielen Städten und Landkreisen ihren festen Platz in der Betreuungslandschaft gefunden haben, so handelt es sich vielerorts jedoch um Modellprojekte, die noch keine gesicherte Verankerung haben. Hinter diesem Konzept steht die Erkenntnis, dass Kinder in den ersten Lebensjahren für Lerninhalte besonders aufnahmebereit sind und folglich eine Muttersprache ähnlich einfach und intensiv erlernen können wie die Muttersprache. Demzufolge stellt der bilinguale Kindergarten eine spezialisierte Form des frühkindlichen Lernens dar.

 

Der Fokus bilingualer Kindergärten liegt dabei ganz klar auf der Spracherziehung, welche die Freude an der Kommunikation fördern soll. Hierfür wachsen die Kinder in einer sprachgefüllten Umgebung auf. Es werden Fachkräfte engagiert, die Muttersprachler der zu vermittelnden Fremdsprache sind. Diese Sprache wird so nicht nur spielerisch vermittelt, sondern primär gemäß dem Immersionsprinzip, also der täglichen Berührung mit der Fremdsprache in unterschiedlichen Alltagsituationen des Kindergartens. Dabei kommt es im Wesentlichen darauf an, dass die Kinder die Sprache auch aktiv anwenden, wodurch sich der Lernerfolg steigern lässt. Auf diese Art wird dank der bilingualen Erziehung nicht nur eine Fremdsprache intensiv vermittelt, sondern auch der Weg zum Erlernen weiterer Sprachen geebnet.

 

Natürlich hat das bilinguale Konzept neben der intensiven Spracherziehung auch interkulturelle Kompetenzförderung als Folge. Die Kinder werden zum vorurteilsfreien Miteinander der Kulturen angehalten und knüpfen auch diesbezügliche Freundschaften. So wird vermeintliche Andersartigkeit „normal“ und zum festen Bestandteil der kindlichen Lebenswelt. Darüber hinaus ist der bilinguale Anteil des pädagogischen Konzepts derartiger Einrichtungen natürlich nur ein Teil der konzeptionellen Arbeit. Bilinguale Kindergärten schließen also auch die anderen frühkindlichen Entwicklungsbereiche mit ein.

 

4. Zielgruppe der bilingualen Arbeit

Bilinguale Kindergärten richten sich bezüglich der Altersstruktur je nach Konzept an Kindergarten-, Krippen- oder Hortkinder also im Alter von 3 bis 6 Jahren, unter 3 oder im Schulalter. Darüber hinaus sprechen sie natürlich vor allem solche Kinder an, deren Eltern sich für eine zweisprachige Erziehung ihres Kindes interessieren. Dabei kann dieses Kind bereits ab Geburt zweisprachig erzogen worden sein, ein Muss ist dies allerdings nicht. Bilinguale Kindergärten sind also genauso dann eine Wahl, wenn die Familie keinerlei Kenntnisse in der Fremdsprache der Einrichtung hat oder eine andersartige Zweisprachigkeit in der Erziehung vorherrschte ebenso wie für Familien, die die zweite Sprache des Kindergartens bereits in ihren Alltag integrieren.

 

5. Tagesablauf im bilingualen Kindergarten

Prinzipiell unterscheiden sich die Tagesabläufe in bilingualen Kindergärten nicht von denen anderweitig arbeitender Kindertageseinrichtungen. Schließlich geht es bei diesem Konzept ja darum, die zweite Sprache in den Alltag der Kinder zu integrieren. Entsprechend gliedert sich der Kindergartentag in

 

  • Bringzeit,
  • Frühstück,
  • Freispiel,
  • Projektarbeit,
  • erste Abholzeit
  • Mittagessen,
  • Ruhezeit,
  • Freispiel und
  • zweite Abholzeit.

 

Daneben kommt es im Alltag des bilingualen Kindergartens elementar darauf an, auf welche Art der Vermittlung von Zweisprachigkeit angestrebt ist.

 

Bilinguale Erziehung als Projekt

Hier agieren Kinder und Erzieherinnen in einem „normalen“ Tagesablauf, der allerdings umfassend Zeit für Projektarbeit vorhält. In dieser Zeitspanne kann dann ein bilinguales Projekt gestartet werden, welches zumeist zeitlich begrenzt für eine klar definierte Anzahl an Kindern angeboten wird. Zu diesem Zweck kommt eine bilinguale Fachkraft in den Kindergarten, die die zu vermittelnde Sprache auf Niveau eines Muttersprachlers beherrscht. Nur sie redet in der zu erlernenden Fremdsprache mit den Kindern, dies dann allerdings ausschließlich.

 

Bilinguale Gruppenarbeit

In der bilingualen Gruppenarbeit sind neben „normalen“ Gruppen eine oder mehrere Gruppen inszeniert, die nach dem bilingualen Konzept arbeiten. Dies bedeutet, dass eine Erzieherin der betreffenden Gruppe Deutsch als Muttersprache beherrscht und mit den Kindern spricht, während die zweite Erzieherin eine ausländische Muttersprache aufweist und nur in dieser mit den Kindern kommuniziert. Diese besondere Interaktionsform herrscht allerdings nur in der definierten Gruppe vor und greift ausschließlich im Rahmen der teiloffenen oder offenen Gruppenarbeit über.

 

Bilinguale Gesamteinrichtung

Dieses Prinzip gleicht dem der bilingualen Gruppenarbeit und sieht pro Gruppe eine deutsche und eine fremdsprachige Muttersprachlerin als pädagogische Fachkraft vor. Allerdings herrscht dieses Prinzip im Rahmen der kompletten Einrichtung, so dass auch gruppenübergreifend die jeweiligen Erzieherinnen mit den Kindern in ihrer Muttersprache kommunizieren.

 

Der bilinguale Aspekt dieser besonderen Erziehungskonzeption spiegelt sich vorrangig natürlich in der verbalen Kommunikation wider. Allerdings verfolgt bilinguale Erziehung auch das Ziel, interkulturelle Kompetenz zu fördern. Entsprechend haben in derartig ausgerichteten Kindertagesstätten auch die jeweiligen Sitten, Gebräuche und Feste im Jahreskreis, die im jeweiligen Heimatland der zu erlernenden Fremdsprache vorherrschen, ihren festen Platz.

 

6. Vorteile bilingualer Kindergärten

  • je jünger die Kinder sind, desto schneller und unkomplizierter können sie Fremdsprachen erlernen
  • bilinguale Kindergärten fördern allgemein ein Gefühl für andere Sprachen
  • eine zweite Sprache wird beherrscht wie die Muttersprache
  • in der späteren Schullaufbahn fällt das Erlernen einer Fremdsprache leichter
  • durch das gute Beherrschen der Fremdsprache wird man beruflich attraktiv
  • Kinder können mit diesem Konzept andere Kulturen kennenlernen
  • bilinguale Pädagogik vermittelt die Fremdsprache spielerisch und ohne Druck
  • interkulturelle Kompetenz wird insgesamt gefördert
  • im Rahmen frühkindlicher Bildung können Kindergartenbeiträge für bilinguale Einrichtungen steuerlich geltend gemacht werden

 

7. Nachteile bilingualer Kindergärten

  • es besteht die Gefahr, dass die Kinder durch Wissensüberflutung am Ende weder die Mutter- noch die Fremdsprache korrekt beherrschen
  • gerade im sprachlichen Bereich besteht die Gefahr schulischer Defizite, die eine Ausgrenzung zur Folge haben
  • leider fehlt es häufig an kompetenten Fachkräften für die bilinguale Erziehung
  • die Finanzierung dieser Projekte steht aufgrund fehlender Fördergelder häufig auf wackeligen Beinen
  • manche Kinder können durch dieses Prinzip intellektuell überfordert werden
  • bilinguale Familien werden bei der Aufnahme meist bevorzugt
  • nicht alle Wissenschaftler finden dieses Konzept erstrebenswert – es gibt durchaus Studien, die negative Auswirkungen der bilingualen Pädagogik hervorgebracht haben

 

8. Trägerschaft und Kosten bilingualer Institutionen

Den Träger schlechthin für bilinguale Institutionen gibt es nicht. Vielmehr handelt es sich um ein Konzept, welches durchaus auch mit anderen pädagogischen Ideen in Einklang gebracht werden kann. Deshalb darf die bilinguale Pädagogik trägerunabhängig zum Einsatz kommen. Nichtsdestotrotz haben sich vor allem

 

  • private, freie Träger,
  • Städte,
  • Kirchengemeinden und
  • Elterninitiativen

 

als Initiator bilingualer Kindergärten, zumindest im projektspezifischen Rahmen, etabliert. Auch gemeinnützige private Vereine und staatliche Europaschulen arbeiten durchaus gehäuft nach diesem Prinzip ebenso wie viele Betriebs- und Universitätskindergärten.

 

Die Kosten für eine solch sprachenlastige Kinderbetreuung richten sich nach dem jeweiligen Träger, dem Personalschlüssel und nicht selten nach dem Einkommen der Eltern. Je nach Betreuungsintensität und pädagogischem Gesamtkonzept liegen die Kosten bei rund 200 Euro, können aber auch Ausmaße von 900 Euro annehmen. Abhängig vom Träger fallen zusätzlich Verwaltungs- und Anmeldegebühren an. Ein in manchen Bundesländern erhältlicher Betreuungsgutschein des Jugendamts lässt sich allerdings auch im bilingualen Kindergarten einlösen.

 

9. Schulsystem nach bilingualen Kindergärten

Hat ein Kind im bilingualen Kindergarten eine zweite Fremdsprache erlernt, so bietet sich eine weitere Fokussierung dieser Zweisprachigkeit auch innerhalb des Schulsystems an. Bilinguale Schulen stellen damit eine gute Wahl dar, sind allerdings in den einzelnen Bundesländern nur punktuell vertreten. Logischerweise kommen auch anderweitige Schulen, im Besonderen die Regelschule, in Betracht, wobei man hier auf sprachliche Angebote zumindest im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften achten sollte. Auch bei der weiterführenden Schule macht es Sinn darauf Acht zu geben, dass die gewählte Institution in der Fremdsprachenfolge dem erworbenen Sprachwissen des bilingualen Kindergartens entgegen kommt.