Bindung und Bindungstheorien

Die Bedeutung von Bindung und Bindungstheorien für die Entwicklung von Kindern

Erst im 20. Jahrhundert erkannten Kinderpsychologen und Pädagogen den wichtigen Zusammenhang zwischen einer sicheren Bindung zwischen Bezugsperson und Kind und dessen späterer Persönlichkeitsentwicklung. Eine sichere Bindung, so fanden die Experten in zahlreichen Studien und Experimenten heraus, befähigt Kinder dazu sich selbstständig und selbstbewusst in ihrer Umwelt zu bewegen, soziales Verhalten zu erlernen und später selbst stabile Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.

 

Bindung

 

Die Grundlage für eine sichere Bindung zu den Bezugspersonen wird im ersten Lebensjahr des Kindes gelegt. Viele Bindungsprozesse sind genetisch bedingt. Das bedeutet, ein Kind zeigt zunächst durch Weinen und Schreien, dass es sich nicht wohl fühlt und dass seine Bedürfnisse befriedigt werden müssen, damit es sich wieder wohl fühlt. Die Eltern handeln intuitiv, sprechen ruhig auf das Baby ein, streicheln und trösten es, stillen seinen Hunger und wechseln seine Windeln. So erfährt das Kind, dass es sich auf seine Bezugspersonen verlassen kann, entwickelt Vertrauen in sie und so nach und nach auch in sich selbst. Fühlt es sich sicher und geborgen, beginnt das Kind von sich aus seine Umwelt zu erkunden und wichtige Lernerfahrungen zu machen.

Diese Erkenntnisse sind vor allem wichtig, wenn Kinder unter drei Jahren nicht nur von Mutter oder Vater, sondern auch durch eine Tagespflegeperson oder in einer Krippe betreut werden.

 

Vorreiter in Sachen Bindungsforschung: John Bowlby und Mary Ainsworth

John Bowlby (1907 – 1990), Kinderpsychiater und Psychoanalytiker, war der Erste, der den Fokus seiner Forschungen auf Familienbeziehungen und deren Einfluss auf die kindliche Entwicklung legte. Der Brite bewies, dass sich das Verhalten zwischen Säugling und Bezugspersonen gegenseitig bedingt. Die so entstehende Bindung stellt die sichere Basis da die ein Kind braucht, um sich altersgerecht zu entwickeln und seine Persönlichkeit zu entfalten.  

Mary Ainsworth (1913 – 1999) konnte belegen, dass Bindungen nicht immer gleich stabil sind. Die Analyse zahlreicher Studien zeigte, dass es qualitativ unterschiedliche Bindungstypen gibt die sich anhand des kindlichen Verhaltens nachweisen lassen welches gezeigt wird, wenn es zu kurzzeitigen Trennungen zwischen Kind und Bezugsperson kommt.

Heute ist unumstritten, dass Jugendliche, die als Baby und Kleinkind keine sichere Bindung zu ihren Eltern aufbauen konnten, eher straffällig werden, unter Depressionen oder anderen psychischen Problemen leiden und es ihnen schwerer fällt selbst Bindungen einzugehen und funktionierende Beziehungen zu anderen Menschen aufrecht zu erhalten.

 

Bindung und Explorationsverhalten

Weinen, Schreien, Anklammern: Diese Verhaltensweisen wenden Babys intuitiv an, damit ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Daraufhin reagieren die Eltern ebenso intuitiv, denn bereits der Anblick eines Säuglings löst durch sein „Kindchenschema“ das Bedürfnis in Ihnen aus, dieses kleine, zunächst noch hilflose Wesen zu beschützen. Durch diese positiven Interaktionen festigt sich die Bindung und eine von Vertrauen geprägte Beziehung entsteht. Sicher gebundene Kinder können Stresssituationen besser bewältigen, sind eher in der Lage Probleme zu lösen und erleben ihre Umwelt als spannend und herausfordernd. Zudem fällt es diesen Kindern leichter soziale Kontakte zu knüpfen. Sie erkunden ihre Umgebung neugierig und mit Begeisterung weil sie wissen, dass sie jederzeit zu ihrer „sicheren Basis“ zurückkommen können, wenn sie Trost brauchen. Explorationsfreude setzt also voraus, dass das Kind sich sicher fühlt.

Ist die Bezugsperson nicht greifbar, ist diese Trennung  für Kleinkinder zunächst schwer zu verkraften. Die Entbehrung wird jedoch erleichtert, wenn eine ebenfalls bekannte und vertraute Person in der Nähe ist, z.B. der Vater.

 

Bindung und Explorationsfreude bedingen einander

 

 

1. Das Kind fühlt sich sicher:

 

geringes Bindungsverhalten   ----->  hohe Explorationsfreude

 

 

2. Kind fühlt sich unwohl, ängstlich, gestresst:

 

hohes Bindungsverhalten   ----->  kaum vorhandene Explorationsfreude

 

 

Bindungstypen und ihre Bedeutung

In ihren Versuchen konnte Mary Ainsworth nachweisen, dass es vier unterschiedliche Bindungstypen gibt. Durchgeführt wurden die Experimente mit Kindern zwischen 12 und 18 Monaten und deren Müttern. Kind und Mutter wurden in einen Raum geführt, in dem sich für die Kinder interessantes Spielzeug befand. Dort waren beide zunächst alleine, die Mutter las ein Buch. Dann trat eine für das Kind fremde Person ein, die Kontakt mit dem Kind aufnahm. Dann verließ die Mutter kurz den Raum, die fremde Person war allein mit dem Kind.

Kurz darauf kehrte die Mutter zurück, verließ aber erneut den Raum – diesmal gemeinsam mit der fremden Person. Das Kind war also kurz ganz alleine im Raum, bevor die Mutter erneut das Zimmer betrat. Während der ganzen Zeit wurde das Kind gefilmt.

Die Analyse dieses Experimentes ergab, dass es vier Bindungstypen bei Kleinkindern gibt.

 

1. Bindungstyp A: die unsicher vermeidende Bindung

Kinder, die dieses Bindungsverhalten zeigen, lassen sich in ihrer Exploration nicht einschränken – auch nicht, wenn die Bezugsperson den Raum verlässt. Was zunächst auf eine stabile Persönlichkeit des Kindes schließen lässt, ist jedoch eher negativ zu bewerten. Das Kind zeigt seine Bedürfnisse nicht, es hat vermutlich erfahren, dass seine Eltern nicht oder nur unzureichend auf seine Bedürfnisäußerungen eingehen. In der weiteren Entwicklung wird diese Erfahrung möglicherweise dazu führen, dass das Kind mit Frust und negativen Emotionen schlecht umgehen kann und kein positives Selbstbild entwickelt.

 

2. Bindungstyp B: die sichere Bindung

Auf das Verlassen werden reagieren sicher gebundene Kinder mit Protest. Sie weinen und schreien und lassen sich von der fremden Person nicht beruhigen. Kehrt die Mutter zurück und tröstet sie, können sie sich jedoch schnell wieder entspannen und sich dem Spielzeug widmen.

 

Kinder, die den Bindungstyp B zuzuordnen sind, haben erfahren, dass ihre Bedürfnisäußerungen ernst genommen werden. Sie haben Vertrauen in sich und ihre Umwelt, können meist gut kommunizieren und Kontakte knüpfen.

 

3. Bindungstyp C: die unsicher-ambivalente Bindung

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder zeigen  auch in Anwesenheit der Mutter wenig Explorationsfreude. Sie wirken unsicher und ängstlich, klammern sich an die Bezugsperson und lassen sich nicht ablenken.

Grund für dieses Verhalten könnte sein, dass auf ihre Bedürfnisäußerungen widersprüchlich reagiert wurde.

 

4. Bindungstyp D: die unsicher-desorganisierte Bindung

Kinder, die diese Form des Bindungsverhaltens zeigen, reagieren auf die Trennung widersprüchlich und eigenwillig. Sie zeigen Aggressivität gegenüber der Mutter, halten in ihren Bewegungen inne oder verkrampfen.

Grund für dieses Verhalten ist in der Regel eine ernsthafte Bindungstörung, ausgelöst durch ein Trauma des Kindes oder elementare Notlagen der Eltern.

 

Auswirkungen der Bindungsforschung auf die Entwicklung von Kindern

Die Erkenntnisse aus der Bindungsforschung sind elementar wenn es um die Entwicklung von Kleinkindern unter drei Jahren geht, wobei die Qualität frühkindlicher Bindungsprozesse Auswirkungen auf das gesamte Leben eines Menschen haben kann:

 

  • Die Bindung zwischen Eltern und Kind festigt sich im ersten Lebensjahr. Ab dem dritten Lebensmonat fixiert sich das Kind auf seine primären Bezugspersonen, ab dem 6. Monat beginnt es zu „fremdeln“.
  • Sicher gebundene Kinder zeigen eine hohe Explorationsfreude, sind selbstbewusst und verfügen über eine hohe soziale und emotionale Kompetenz.
  • Wichtig ist, dass Eltern zuverlässig auf die Bedürfnisäußerungen ihres Kindes reagieren.
  • Wenn Kinder unter drei Jahren in der Krippe oder von einer Tagesmutter betreut werden sollen, so muss das Kind sensibel auf diese Situation vorbereitet werden. Dazu sind individuell gestaltete Eingewöhnungszeiten nötig, die Mutter sollte zunächst viel Zeit gemeinsam mit dem Kind in der neuen Umgebung verbringen, damit es sich dort sicher fühlt. Erst dann sollten (kurze) Trennungsphasen stattfinden.