Mehr als jedes zweite Elternteil von Kita-Ausfällen betroffen
von Redaktion
Die Bundesregierung und Arbeitgeber fordern eine höhere Erwerbsbeteiligung, doch die Realität in den deutschen Kinderbetreuungsstätten spricht eine andere Sprache. Neue Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung belegen, dass unzuverlässige Betreuungsangebote ein massiver Bremsklotz für berufstätige Eltern bleiben.
Im Herbst 2025 waren 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitsuchenden Eltern mit unerwarteten Schließungen oder gekürzten Öffnungszeiten konfrontiert. Für die repräsentative WSI-Erwerbspersonenbefragung wurden rund 900 Betroffene interviewt.
Betreuungslücken zwingen zum Rückzug aus dem Job
Wenn Kitas oder Ganztagsschulen wegen Personalmangels schließen, hat das direkte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Fast ein Drittel (30 Prozent) der betroffenen Eltern musste kurzfristig die eigene Arbeitszeit im Erwerbsjob reduzieren, um die Betreuungslücken abzufedern.
Dabei zeigt sich ein interessantes Muster zwischen den Geschlechtern:
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Männer reduzieren häufiger: 33 Prozent der betroffenen Väter verringerten temporär ihre Arbeitszeit (vermutlich aufgrund des höheren Vollzeitanteils).
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Frauen übernehmen Hauptlast: In 73 Prozent der Fälle, in denen Männer nach einer Lösung gefragt wurden, sprang die Partnerin ein. Umgekehrt gaben nur 39 Prozent der Frauen an, dass der Partner einbezogen wurde.
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Privates Netzwerk fängt viel auf: 42 Prozent der Befragten organisierten die Überbrückung mithilfe von Verwandten oder Freunden.

Schließungen und Kürzungen im Detail
Die Ausfälle summieren sich aus zwei verschiedenen Faktoren, von denen viele Eltern gleichzeitig getroffen wurden:
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Ungeplante Schließungen: 35 Prozent erlebten in den drei Monaten vor der Befragung mindestens einen Tag eine komplett geschlossene Einrichtung (11 Prozent für einen Tag, 17 Prozent für zwei bis fünf Tage, rund 7 Prozent sogar noch länger).
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Verkürzte Öffnungszeiten: 44 Prozent mussten mit reduzierten Betreuungszeiten planen.
West-Ost-Gefälle und Altersunterschiede
Besonders prekär ist die Situation im Westen Deutschlands und bei den jüngsten Kindern:
| Kriterium | Region / Alter | Betroffen von Schließungen |
Betroffen von Kürzungen |
| Region | Westdeutschland | 39 % | 45 % |
| Ostdeutschland | 21 % | 39 % | |
| Alter der Kinder | Unter 3 Jahre | 40 % | 49 % |
| 3 bis 6 Jahre | 39 % | 51 % |
WSI-Direktorin kritisiert Arbeitszeitdebatte: „Falschherum aufgezäumt“
Trotz eines minimalen Rückgangs im Vergleich zum Vorjahr (Ende 2024 lag die Betroffenenquote noch bei 59 Prozent) verharren die Ausfälle auf einem kritischen Niveau. Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, kritisiert daher die aktuelle politische Debatte über zu hohe Teilzeitquoten scharf. Diese gehe völlig an der Realität vorbei:
„Unter den aktuellen Umständen können berufstätige Eltern nicht verlässlich planen und vor allem Frauen müssen sich zweimal überlegen, ob sie eine Erwerbsarbeit aufnehmen oder ausweiten können. Die aktuelle Arbeitszeitdebatte ist vielfach falschherum aufgezäumt.“
Die Forderungen des Instituts:
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Massive Investitionen: Es brauche eine echte Fachkräfteoffensive und bessere Arbeitsbedingungen in Erziehungsberufen, um den Mangel an hunderten oder tausenden Betreuungsplätzen zu bekämpfen.
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Keine Deregulierung: Die geplante Abschaffung der täglichen Arbeitszeit-Höchstgrenze durch die Regierung wird abgelehnt, da sie Arbeitszeiten für Beschäftigte noch schlechter planbar mache.
Mangelnde Verlässlichkeit bei Kitas und Ganztagsschulen sei längst ein kritischer Engpass für die Wirtschaft und verschärfe zudem alte, geschlechtsspezifische Rollenmuster bei der Sorgearbeit, so das Fazit des WSI.
