Loverboys

  • Ich habe heute fast den ganzen Tag damit zugebracht, etwas mehr als ich bisher schon wußte über diese Loverboy Methode herauszufinden.
    Ich gehe davon aus, dass eines der Mädchen, die ich unterrichte davon betroffen ist. Das vermute ich schon länger und es gibt immer mehr Anzeichen dafür.
    Sie hat sich sehr verändert, besonders in der Auswahl ihrer Kleidung und ihrer Ansichten. Sie "darf" ihre Familie nur noch zwei Stunden in der Woche besuchen. Als ich sie gefragt habe, warum sie das denn zulässt, dass er so über ihr Leben bestimmt, hat sie geantwortet, dass er sie ja sonst verlassen würde. Ihren Erzählungen entnehme ich, dass der "neue Freund" dringend Geld braucht und sie sich deswegen mit anderen Männern verabreden soll.
    Da das Mädchen schon 18 ist, habe ich mir sagen lassen, wenn sie das "freiwillig macht", ist da nichts dagegen zu sagen. Da hier aber offensichtlich eine psychische Abhängigkeit besteht, kann ich das mit der "Freiwilligkeit" nicht akzeptieren.
    Wenn ich auch nur im Ansatz etwas gegen den Freund sage, dann kommen da Antworten, die mich echt verblüffen.
    Der Typ scheint alles, was ich sage vorauszuahnen und hat das Mädchen darauf schon vorbereitet.
    Z. B. wollte ich ihn kennenlernen - das möchte er nicht, da ich ja ein Vorurteil hätte und ihn für ihren Zuhälter halten würde (davon habe ich keine Wort gesagt).
    Ich würde ihr ihr Glück nicht gönnen und wollte sie nur von dem Mann trennen. usw. Und immer wieder, dass sie Angst hat, dass der Typ sie verlassen will.
    Irgendwie bin ich mit meinem Latein am Ende.
    Ich komme einfach nicht an das Mädchen dran, sie tut nur, was der Typ sagt.
    Vielleicht weiß jemand von euch einen Rat.

  • Das klingt tatsächlich nach einem sogenannten Loverboy, und leider ist es in der Tat so, dass man kaum etwas tun kann, wenn das Mädchen 18 ist.
    Allerdings würde ich an deiner Stelle trotzdem zur Polizei gehen, den Fall schildern und darum bitten, den Fall zumindest insofern zu berücksichtigen, falls der Mann anderweitig auffallen sollte.
    Oft haben solche Loverboys nicht nur ein Mädchen "laufen", sondern mehrere - und die sind dann nicht unbedingt schon 18.
    Es kommt darauf an, an wen man bei der Polizei gerät. Ich würde ruhig fragen, ob's da einen "Spezialisten" bei der Kriminalpolizei gibt, mit dem man sprechen bzw. der einen beraten kann - also nicht gleich "am Empfang" bzw, bei der Schutzpolizei "abwimmeln" lassen. Mitunter gibt es Einheiten bei der Kripo (ist von Bundesland zu Bundesland verschieden und oft auch von Stadt zu Stadt), die sich genau mit solchen Themen beschäftigen. Sie können vielleicht nicht unbedingt unmittelbar helfen, aber vielleicht den einen oder anderen Tipp geben.
    Vielleicht ist der Mann auch schon bekannt oder zumindest in Verdacht geraten - und man liefert damit einen neuen Anhaltspunkt.


    Viel Hoffnung gibt es also nicht, aber der Versuch ist es immer wert!
    Denn von "Freiwilligkeit" kann nicht die Rede sein. Sie erpressen die Mädchen emotional, reden ihnen ein, dass nur sie sie lieben und sonst niemand, trennen sie von Familie und Freunden, nehmen ihnen allen Rückhalt und bringen sie dann dazu, auf den Strich zu gehen. Natürlich ist das schlicht erzwungene Prostitution und sonst gar nichts.


    Ansonsten kann man nur immer wieder Gesprächsbereitschaft gegenüber dem Mädchen signalisieren - also nicht aufdrängen (bringt nichts), aber zeigen: Ich bin da, wenn du mich brauchst.
    Denn manchmal finden diese Mädchen aus Scham nicht zurück, sobald sie erkannt haben, dass der Mann sie keineswegs liebt.
    Diese Selbsterkenntnis ist wichtig - wie bei Alkoholikern und Süchten aller Art, denn letztlich ist das hier nichts anderes. Solange das Mädchen nicht bewusst erkennt, was mit ihr passiert, und nicht mehr mitmachen will, ist es für alle anderen schwer, etwas zu unternehmen. Traurig, aber wahr.

  • Hallo Wonderland,
    vielen Dank für den ausführlichen Bericht.
    Ich will mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, es ist ja "nur" eine Reitschülerin von mir.
    Kann ich da trotzdem zur Polizei gehen? Ich weiß ja noch nicht einmal den Namen dieses Typen.
    Meine Idee war irgendwie so in die Richtung, den Spieß umzudrehen - es kommt mir vor, wie eine Gehirnwäsche. Das Mädchen war ja vorher kritisch und wirkte schon selbständig. Die kommt aus einem soliden Elternhaus, ich kenne zumindest die Mutter
    Er scheint sie systematisch von den Eltern und den Geschwistern zu entfremden und sie scheint das, was sie da erzählt wirklich zu glauben.
    Wie schaffen dieser Typen es, dieses Mädchen so zu beeinflussen ? Die müssen doch irgendwelche psychologischen Kenntnisse haben????
    Was würde das Mädchen dazu bringen, zu erkennen, wie es wirklich ist?

    Alles, was ich sage. scheint gar nicht zu ihr durchzudringen.
    Sie wollte eigentlich mit auf den nächsten Wanderritt, der wäre über ein ganzes Wochenende.
    Aber da "er" das nicht so gern sieht, hat sie sich abgemeldet.
    Scheinbar scheint er zu bemerken, dass ich da gegen diese Beziehung etwas gesagt habe.

    Ich werde mal abwarten und versuchen, wieder an das Mädchen dran zu kommen.

    .

  • Man kann sich grundsätzlich bei der Polizei beraten lassen. Die Polizei hat leider ein schlechtes Marketing. Aber sie bietet tatsächlich auch schlicht Beratung an. Einfach mal rumtelefonieren (natürlich nicht 110 wählen ;)) und fragen, ob es da jemandem gibt, der einem Tipps geben oder vielleicht an eine Organisation in der Nähe verweisen kann. Hier und da gibt es Organisationen (oder die Kripo selbst), die z. B. vor Ort eine Schulung durchführen und informieren, z. B. das jemand kommt und allen Ihren Mädchen erzählt, wie solche Loverboys arbeiten. Sie haben ja sicher mehrere Mädchen in Ihrer Gruppe. Oder Sie schließen sich mit einer Schule kurz, an der so eine Veranstaltung stattfinden kann.
    Manchmal öffnet das schon der einen oder anderen die Augen.


    Das scheinbar solide Elternhaus sollte nicht täuschen. Loverboys suchen sich gezielt Mädchen aus, die nicht allzu selbstbewusst sind oder deren Selbstbewusstsein nur vorgetäuscht ist, bei denen sich hinter der Fassade eine Enttäuschung oder ein Selbstzweifel verbirgt. Diese Männer geben den Mädchen zunächst genau das, von dem die Mädchen glauben, das es ihnen fehlt. Liebe, Aufmerksamkeit, Geschenke usw. Sie investieren zunächst sehr viel Zeit und auch Geld. Und dann kommen sie mit einem Problem um die Ecke, brauchen Geld, weil sie unverschuldet in Not geraten sind, die alte Mutter krank ist etc. Erst heischen sie damit nur Mitleid (das Mädchen hat natürlich meistens kein Geld, opfern aber mitunter zunächst Taschengeld und Erspartes), dann kommt der Vorschlag, sich mit anderen Männern zu treffen, um Geld zu verdienen - und dann setzt die Drohung ein, sie zu verlassen, ihnen also das schöne Gefühl des Geliebtwerdens, des Begehrtwerdens, der Geborgenheit wegzunehmen.


    Ich denke aber, dass ein Berater von der Kripo das noch sehr viel besser erklären könnte. ;) An Ihrer Stelle würde ich da ruhig mal nachfragen. Polizei ist wirklich nicht nur das Melden eines Verbrechens, man kann auch schlicht sagen, dass man glaubt, dass da was nicht stimmt und man gern mehr Informationen hätte, um solche Methoden erkennen und richtig einschätzen zu können.

  • Das ist wirklich eine schreckliche Geschichte!! So etwas ist der Grund, aus dem es mir so wichtig ist, dass man seinen Töchtern hilft ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen.. Ich denke daran mangelt es deiner Schülerin, wenn sie sich so eine schlechte Behandlung gefallen lässt!! Hast du denn schon einmal versucht, dich mit der Mutter kurzzuschließen, wenn du sie kennst? Ich denke, das Mädchen hängt schon sehr tief in den Fängen des Mannes, da ist es wirklich schwer Einfluss auf sie auszuüben.. Ich denke wichtig ist es, wie hier schon gesagt wurde, ein offenes Ohr anzubieten und ein Gespräch mit der Polizei kann meiner Meinung nach auch auf keinen Fall schaden.. die werden ihn ja nicht gleich verhören, aber wenn da etwas passieren sollte, haben sie schon Anhaltspunkte!!

  • Vielen Dank für die vielen super Tipps.
    Ich habe mich inzwischen bei verschiedenen Beratungsstellen und bei der Polizei beraten lassen.
    Das Mädchen kommt nicht mehr zum Unterricht. das Gespräch mit der Mutter hat ergeben, dass sie die Tochter nur noch selten zu hause ist. Der Mutter ist auch aufgefallen, dass ihre Tochter sich verändert hat. Aber jedes Wort, dass auch nur annährend Zweifel an der Aufrichtigkeit nun Integrität des "Freundes" durchblicken lässt, führt sofort dazu, dass die Tochter das Gespräch abbricht.
    Eine Beratung möchte die nicht aufsuchen, da sie ja jetzt in "guten Händen" ist. Die Mutter hat so gut wie keinen Einfluss mehr auf die Tochter.
    Bei der Beratung bei Polizei und anderen Stellen wurde mir immer die gleiche Auskunft erteilt. Dass ja wegen der Volljährigkeit das Mädchen selbst entscheiden kann und da sie ja "freiwillig" bei dem Typen bleibt ist eine Zuhälterei fast nicht nachweisbar. eine Anzeige also sinnlos.
    Das lässt mich ja jetzt doch so langsam an unserem Rechtsstaat zweifeln.
    Psychische Gewalt scheint da nicht vorzukommen.

    Ich bin da wirklich mit meinem Latein am Ende, da das Mädchen offensichtlich keinem logischen Argument mehr zugänglich ist, eine Anzeige nicht möglich ist und wegen der Volljährigkeit das Mädchen ja selbst bestimmen kann, was sie möchte.

    Gibt es einen Tip, wie man dem Mädchen klarmachen kann, dass dieser Weg in die Sackgasse führt.

  • Liebe Erziehungsarena,


    ich finde es sehr traurig, dass das Mädchen nun im Grunde völlig "verschwunden" ist. Sie selbst haben ja unglaublich viel unternommen und ich finde es auch sehr gut, dass Sie Kontakt zur Mutter aufgenommen haben. Es ist wirklich außerordentlich schade, wie sich diese Geschichte entwickelt und ich kann mir vorstellen, wie sehr die Informationen, die Sie erhalten haben, frustrieren.


    Doch: So traurig und bitter es ist, letztlich ist und bleibt es die Entscheidung des Mädchens, ob sie in dieser Beziehung bleiben möchte oder nicht. Retten können Sie sie einfach nicht! Sie haben mit Ihren wirklich selbstlosen Bemühungen Ihren Arm weit ausgestreckt, aber sie will sich offenbar nicht helfen lassen.
    Da bleibt es leider dahingestellt, ob die Wahrnehmung des Mädchens getrübt ist oder nicht.


    Ich denke, es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Sie alles getan und unternommen haben, was möglich ist. Sie haben Ihre Hilfe und Unterstützung angeboten. Dies anzunehmen, das ist - so traurig es auch sein mag - dann doch die Entscheidung dieses Mädchens.
    Vielleicht braucht sie auch noch etwas Zeit, um sich zu entscheiden. Ich denke, wenn Sie nun den Druck, ihr helfen zu wollen, noch erhöhen, wird sie für alle Zeiten verschwinden und den Kontakt zu Ihnen gezielt vermeiden.


    Was mir noch einfällt: Gibt es vielleicht im Rahmen Ihres Reitunterrichts noch eine Advents- oder Weihnachtsfeier? Das wäre ja noch ein Anlass, um eine Einladung an sie zu versenden.
    Und vielleicht kommt sie ja dann auch vorbei. Ich denke, der nächste Schritt, was dieses Thema betrifft, muss von dem Mädchen kommen. Ich denke, im Moment können Sie sie einfach nur "machen lassen" und akzeptieren, dass es ihre Entscheidung ist, ob Sie sie selbst verstehen können oder nicht.


    Herzliche Grüße
    Klara

  • Hallo Klara,
    vielen Dank für Ihra aufmunternden Worte.
    Ja ich war schon ziemlich frustriert, aber ich bin auch der Meinung, es ist letztendlich nicht meine Entscheidung.
    Leider ist es ja auch nicht wirklich die Entscheidung des Mädchens, das sie ja so manipuliert wird, dass sie sich für etwas entscheidet, was sie eigentlich gar nicht will.
    Aber es ist wie beim Alkohol oder sonstiger Sucht - man muss selbst drauf kommen, dass es falsch ist.

    Ich habe wieder einen Anknüpfungspunkt gefunden - ich habe ein Pflegepferd für das Mädchen organisiert, jetzt kommt sie wieder zwei mal die Woche.
    Ich habe beschlossen, sie nicht weiter zu fragen, warum und wieso..... Sie weiß jetzt, dass ich ihr helfen würde und wenn sie Hilfe möchte, kann sie sich melden.

  • Leider ist es ja auch nicht wirklich die Entscheidung des Mädchens, das sie ja so manipuliert wird, dass sie sich für etwas entscheidet, was sie eigentlich gar nicht will.
    Aber es ist wie beim Alkohol oder sonstiger Sucht - man muss selbst drauf kommen, dass es falsch ist.


    Ich habe wieder einen Anknüpfungspunkt gefunden - ich habe ein Pflegepferd für das Mädchen organisiert, jetzt kommt sie wieder zwei mal die Woche.
    Ich habe beschlossen, sie nicht weiter zu fragen, warum und wieso..... Sie weiß jetzt, dass ich ihr helfen würde und wenn sie Hilfe möchte, kann sie sich melden.

    Ja, leider ist das so. Die Erkenntnis, dass sie Dinge tut, die sie eigentlich gar nicht möchte, muss aus ihr selbst erwachsen. Und dann ist es gut, wenn sie weiß, dass es jemanden gibt, der sofort die Hand ausstrecken würde, wenn sie ihm die Möglichkeit dazu gibt.


    Sie haben sich da ja wirklich engagiert. :) Ich denke, total umsonst war das sicher nicht. Sie kennen jetzt mehr Hintergründe - und was man machen kann bzw. nicht machen kann. Vielleicht können Sie damit irgendwann anderen helfen, und vielleicht ja auch diesem Mädchen. Ich wünsche es Ihnen beiden.

  • Hallo Erziehungsarena,


    Sie sind phantastisch! Es ist eine großartige Idee, die Sie da hatten und es freut mich sehr, dass das Mädchen nun doch wieder zu Ihnen kommt. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass ihr das Pflegepferd gut tut und ihr helfen kann, Selbstvertrauen aufzubauen und mehr bei sich selbst anzukommen. Und an dem Punkt können Sie sie ja nun auch stärken, indem sie dem Mädchen rückmelden, wie Sie sie wahrnehmen mit ihrem Pflegepferd. ^^
    Sie nicht mehr auf das Thema anzusprechen, ist wohl momentan das Beste und Sinnvollste.
    Sie wird sicher auf Sie zukommen, wenn Sie Ihre Unterstützung möchte.


    Halten Sie uns gerne auf dem Laufenden!
    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass sich alles zum Guten wenden wird.


    Herzliche Grüße
    Klara

  • Das hört sich ja wirklich sehr beunruhigend an!! Schließlich kann man ja nie wissen, in welche Dinge das Mädchen da hineingezogen wird. Ich finde die Idee mit dem Pflegepferd aber wirklich eine sehr gute Aktion. So zeigen Sie dem Mädchen, dass Sie sich um sie sorgen, aber die Grenze nicht überschreiten und sich einmischen wollen. Ich verstehe natürlich, dass man in solchen Fällen immer nur helfen will, aber letztendlich ist das oft etwas, das die "Opfer" dann abschreckt und dazu führt, dass sie sich erst recht zurückziehen.
    Ich würde die Situation einfach weiter beobachten - bei der Beratung waren sie ja schon - und darauf hoffen, dass sich das Mädchen weiter öffnet und bei Problemen zu Ihnen kommt.
    Ihren Einsatz finde ich auf jeden Fall sehr bewundernswert.
    Alles Gute!

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