Hallo,
Ich bin Marco, 26 Jahre, alleinerziehend mit Sohn Max, 8 Jahre.
Seine Mutter ist vor zwei Jahren bei einem Autounfall umgekommen.
Max und ich kommen mittlerweile im Großen und Ganzen im Alltag sehr gut zurecht. Ich arbeite 30 Std / Woche als Technischer Einkäufer im Homeoffice.
Max ist sehr selbstbewusst, lebhaft, bisweilen auch wild und draufgängerisch und ziemlich wissbegierig, sagt grundsätzlich immer, was er denkt.
Max besucht die 3. Klasse. Glaubt man seinen Lehrern, ist er für sein Alter geistig schon sehr weit und gilt als sehr intelligent. Die Beurteilung der Schule war entsprechend.
Die Eltern von seinem Klassenkameraden Paul hatten angeboten, Max in den Sommerferien für 3 Wochen mit in ihr Ferienhaus an die Nordsee zu nehmen, was bei Max natürlich für helle Begeisterung sorgte.
Paul und Max sind dicke Freunde seit dem Kindergarten und spielen nachmittags nach der Schule fast ständig zusammen, bei uns, bei Paul oder auf dem Schulhof.
Vom Typ her ist Paul das totale Gegenteil von Max, immer ruhig und besonnen, sehr zurückhaltend, in der Schule aber ebenso gut wie Max.
Gemeinsam können die beiden aber auch richtig ‚aufdrehen‘.
Seine Eltern sind m.E. ziemlich „straight“, fast streng mit ihm.
Neben einer Menge Spiel, Spaß und zahlreichen Aktivitäten gab es in diesem Urlaub wohl auch strenge Regeln. Die Jungs hatten jeden Abend spätestens um 20 Uhr im Bett zu sein. Es gab zahlreiche Tage, an denen die Bettzeit auf 18 Uhr vorverlegt wurde und / oder auch Mittagsschlaf verordnet wurde, weil sie Grenzen überschritten hatten. Es gab einige Tage, an denen einer oder beide nach dem Mittagessen gegen 12:30 Uhr Mittagsschlaf halten mussten (Max hat dann immer mittags 2-2,5 Std geschlafen), um abends gegen 20 Uhr wieder ins Bett zu gehen. Ebenso gab es Situationen, dass entweder einer der Jungs oder auch beide morgens nach dem Frühstück 100-mal schreiben mussten: "Ich muss die Toilette immer sauber hinterlassen!" oder "Ich darf nicht auf dem Bett hüpfen!" (hierbei war vom Lattenrost eine Latte herausgefallen) „Wenn das Licht aus ist, wird nicht mehr gesprochen.“... Wenn Max dabei in 3 –4 Zeilen Flüchtigkeitsfehler gemacht hatte, durfte er es noch weitere 50-mal schreiben, was er auch immer widerspruchslos hingenommen hat.
Als ich nach drei Tagen mit ihm telefonierte, sagte er mir, dass er heute bereits um 18 Uhr ins Bett müsste und den Schlafanzug schon anhätte (Es war kurz vor halb sechs).
Er sagte es, als wäre es das normalste von der Welt für ihn. Ich habe mir da schon Gedanken gemacht, ob das wohl 3 Wochen so gutgeht. Zuhause hätte das mit Sicherheit ein Riesentheater gegeben.
Als ich ihn später fragte, wie es für ihn war, meinte er es wäre ein komisches Gefühl gewesen, schon um 17 Uhr den Schlafanzug anzuziehen und zu Abend zu essen. Er musste sich dann nach dem Zähneputzen bei strahlendem Sonnenschein ins Bett legen und dann wurden die Jalousien geschlossen und es wurde gebetet. Als er dann im Bett lag, hörte er durch das gekippte Fenster die Kinder vom nahegelegenen Spielplatz. Er meinte einerseits wäre er gerne auf dem Spielplatz oder draußen gewesen, andererseits wäre es ein cooles Gefühl gewesen, schon so früh ins Bett zu müssen. Er habe sich dann einfach herumgedreht und hätte sich vorgestellt, er wäre ein kleiner Junge, der ganz früh ins Bett muss und wäre dann irgendwann eingeschlafen. Am nächsten Morgen hätte er sich richtig ausgeschlafen und gut gefühlt auch wenn er nachts mal wach war. Er war absolut nicht sauer darüber. Auch den Mittagsschlaf fand er nicht weiter schlimm, auch wenn er dann abends bereits um 20 Uhr wieder ins Bett musste. Er hätte sich in diesem Urlaub immer ausgeschlafen und richtig kräftig gefühlt.
Pauls Eltern erzählten nach der Rückkehr, dass Max in den drei Wochen 9-mal um 18 Uhr im Bett war, an 6 Tagen Mittagsschlaf gemacht hätte und 8-mal je 100 Zeilen schreiben musste. Aufgrund von Fehlern durfte er fünfmal 50 Zeilen zusätzlich schreiben. Sie haben das genau notiert.
Als ich Max ein paar Tage nach dem Urlaub fragte, ob er da nochmal mitfahren würde, kam sofort ein klares „Ja, würde ich sofort machen!“
Auf die Frage, was ihm in dieser Zeit gar nicht gefallen hätte, meint er: „Das mit dem Schreiben war blöd, weil ich am Anfang immer einen ‚Nachschlag‘ von 50 Zeilen bekommen habe. Aber das ist auch schnell rumgegangen und ist jetzt nicht mehr so schlimm.“
Es wundert mich schon, dass Max diese Disziplinierungen so positiv empfand. War es das Neue? Oder die fremde Autorität? Oder weil Paul dabei war?
Seit dem Urlaub übernachten die beiden oftmals am Wochenende (Fr – So) entweder bei uns oder bei Paul. Mir ist es ziemlich egal, wie lange die beiden quatschen, wenn sie halbwegs leise sind. Das gibt es mal eine Ermahnung und gut. Auch wenn sie erst Mitternacht ins Bett gehen. Morgens dürfen sie entsprechend ausschlafen. Paul genießt das sichtlich.
Wenn sie bei Paul sind, vergeht fast kein Wochenende, an dem sie nicht mindestens einmal um 18 Uhr ins Bett müssen, weil sie lebhaft und deshalb auch zu laut waren.
Max stört das nicht. Er scheint es sogar spannend zu finden. Einmal war es so, als er dort ankam, wurde ihm gesagt, dass Paul um 18 Uhr Bettzeit hat, wenn er trotzdem bleiben möchte, sollte er direkt ins Zimmer gehen und sich den Schlafanzug anziehen, andernfalls könnte er auch nach Hause gehen.
Die Frage stellte sich für ihn nicht, er blieb und ging um 18 Uhr mit ins Bett.
Auch die Schreibarbeiten gibt es dort öfter (meistens nach dem Frühstück oder Mittagessen).
Max erledigt diese widerspruchslos, auch wenn er einen „Nachschlag“ bekommt. Er meckert auch zu Hause nicht darüber.
Ich selbst habe festgestellt, dass Max seit Sommer sofort kommt, wenn man etwas von ihm will. Sonst hieß es immer „Ja gleich“ oder „Jaaahaa“ und man musste ihn 3–5-mal rufen oder ermahnen. Auch seine Handschrift hat sich lt. seiner Klassenlehrerin stark verbessert. Das würde ich gerne weiterhin fördern.
Irgendwann kurz vor Weihnachten fragte mich mein Sohn, warum ich eigentlich nicht so streng wäre.
Ich habe ihm gesagt, dass ich uns als tolles Team betrachte und dass Schule, Sport usw. gut laufen und kein Anlass dafür sehe.
Er findet es cool bei Paul und Paul kommt sehr gerne zu uns.
Ich habe Max gesagt, er sollte sich mal überlegen und vielleicht mal aufschreiben, was wir hier ändern sollten.
Sollte ich hier ähnliche ‚Sanktionen‘ einführen und strenger sein?
Bin gerade etwas ratlos….
Was meint ihr?
LG Marco