Selbstbestimmt leben

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    • Selbstbestimmt leben

      Der 5. Mai ist der jährliche Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. In diesem Jahr steht er unter dem Motto: "Ich bin entscheidend"

      Dieser Tag ist 1992 auf Initiative des Vereins "Selbstbestimmt leben" entstanden. Es soll dadurch auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen hingewiesen werden und auf deren verfassungsmäßiges Recht auf eine Gleichstellung und damit auf ein selbstbestimmtes Leben. Selbstbestimmtes Leben beinhaltet, das eigene Leben gestalten und kontrollieren zu können und dabei die Wahl zwischen akzeptablen Alternativen zu haben, ohne in die Abhängigkeit von anderen zu geraten.

      In der Zeit vom 27. April bis zum 12 Mai finden bundesweit in vielen Städten Aktionen von verschiedenen Verbänden, Initiativen und Organisationen statt, die für diese Thematik sensibilisieren wollen.

      Spannend finde ich, einmal darüber nachzudenken:

      • Wie sieht die Lebenssituation von Eltern mit einer Behinderung aus und deren Recht, selbstbestimmt Kinder zu erziehen?
      • Wie sieht die Lebenssituation von Eltern aus, die ein Kind mit einer Behinderung haben? Welche Chancen haben diese Kinder in unserer Gesellschaft? Was kommt nach der Integrationsgruppe im Kindergarten?
      • Entscheide ich mich als Elternteil dazu, mein Kind (ohne Behinderung) in eine Integrationsgruppe zu geben und fördere damit den natürlichen Umgang zwischen Kindern mit und ohne Behinderung? Oder entscheide ich mich dagegen?
      • Wie sieht es mit meinen eigenen Vorurteilen und Berührungsängsten aus?
      • Wie und wo begegne ich Menschen mit Behinderungen und wie reagiere ich auf sie? Was lebe ich meinen Kindern in Bezug auf Toleranz vor?
      • Bin ich bereit, wenn ich Essen gehen möchte, dazu auch mal ein Restaurant zu wählen, in dem Menschen mit Behinderungen arbeiten?
      • ...

      Aber auch:

      • Wie sieht es eigentlich mit meiner eigenen Selbstbestimmung aus? Gestalte ich mein Leben selbst oder begebe ich mich womöglich freiwillig in die Abhängigkeit? Wo muss ich Abhängigkeit hinnehmen und wo habe ich eine Wahlmöglichkeit, die ich aber nicht nutze?
      • Erziehe ich Kinder zu der Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben? Lernen sie, dass sie eine Wahl haben und sind sie in der Lage, diese Wahl zu treffen und dann auch Verantwortung für die getroffene Wahl zu übernehmen (denn Selbstbestimmung hat auch immer etwas mit Verantwortung zu tun!)?

      Was denken Sie? Ist dieser Tag Anlass für Sie, sich zu informieren, den Protest durch Teilnahme an den Aktionen zu unterstützen, oder sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen?

      Ich bin gespannt auf Ihre Antworten!

      Anne
    • Mir fällt vor allem auf, dass speziell Menschen mit geistigen Behinderungen eben nicht integriert sind. Sie werden oft an den Rand geschoben, wohnen in speziellen Wohnungen/Heimen und arbeiten in speziellen Werkstätten, sodass man von ihnen nicht viel mitbekommt und ihnen im Alltag auch nicht sehr häufig begegnet.

      Teilweise schämen sich die Eltern auch heute noch dafür. Wir haben in der Nachbarschaft ein Paar, das ein geistig behindertes Kind hat. Sie sperren es regelrecht ein. Man sieht es nur sehr selten draußen, und nur dadurch, dass sie es wohl regelmäßig in irgendwelche Einrichtungen bringen, ist mir überhaupt klar geworden, dass diese Leute ein Kind haben und dass es behindert zu sein scheint. Es ist in all den Jahren, in denen die Leute da nun schon wohnen, kaum gewachsen, bewegt sich immer ruckartig vor und zurück, ist laut, kann aber keine Worte sprechen. Nicht mal "Mama" sagen.
      Ein einziges Mal ist ihnen das Kind abgehauen. Es kam bei uns auf die Terrasse gestürzt, nahm sich den nächstbesten Becher und trank ihn leer (wir hatten mit einer kleinen Gesellschaft draußen gesessen). Die Mutter kam hinterher gerannt, entschuldigte sich mit "er ist manchmal etwas distanzlos" und zerrte das Kind weg, um es dann wieder in der Wohnung einzusperren.

      Das ist sehr schade, denke ich, und zeigt, dass es in unserer Gesellschaft wohl noch einiges zu tun gibt, bis diese Menschen ein zumindest angemessenes Leben führen können (von "selbstbestimmt" sind sie noch weiter entfernt).

      Tja, auch ansonsten ist es nicht leicht mit der Selbstbestimmung. Selbst, wenn man keine Behinderungen hat, so gibt es doch einen Haufen Dinge, die einen hindern, wirklich selbstbestimmt zu sein, wenn man das Wort einmal wirklich wörtlich nimmt. Die meiste Zeit machen wir doch irgendwelche Kompromisse. Wir tun etwas unserem Partner zuliebe, wir fahren nicht da und da hin, weil wir unsere kranke Mutter nicht allein lassen wollen, wir verzichten auf etwas, weil das Kind Vorrang hat usw.
      Vielleicht nimmt man sich vor, sich da mehr durchzusetzen, aber im Endeffekt kommt man um viele Kompromisse nicht herum, weil man ansonsten nicht selbstbestimmt, sondern rücksichtslos und egoistisch wäre.
    • Hallo Tecret,

      ich erlebe das ähnlich, dass insbesondere Menschen mit geistigen Behinderungen stark ausgegrenzt werden und es erhebliche Berührungsängste im Zusammensein gibt. Ich denke, da fehlt es einfach auch an Information und Kenntnis darüber, was eine geistige Behinderungen ist. Deswegen halte ich die Aktionen, die jetzt stattfinden, auch für so wichtig.

      Die Beobachtung, die Sie schildern, ist sehr extrem und schockierend. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die Eltern schon oft auf Unverständnis für die Verhaltensweisen des Kindes (und schlimmeres) gestoßen sind. Das entschuldigt das Verhalten nicht, erklärt es aber vielleicht.


      Tecret schrieb:

      Tja, auch ansonsten ist es nicht leicht mit der Selbstbestimmung. Selbst, wenn man keine Behinderungen hat, so gibt es doch einen Haufen Dinge, die einen hindern, wirklich selbstbestimmt zu sein, wenn man das Wort einmal wirklich wörtlich nimmt. Die meiste Zeit machen wir doch irgendwelche Kompromisse. Wir tun etwas unserem Partner zuliebe, wir fahren nicht da und da hin, weil wir unsere kranke Mutter nicht allein lassen wollen, wir verzichten auf etwas, weil das Kind Vorrang hat usw.
      Vielleicht nimmt man sich vor, sich da mehr durchzusetzen, aber im Endeffekt kommt man um viele Kompromisse nicht herum, weil man ansonsten nicht selbstbestimmt, sondern rücksichtslos und egoistisch wäre.

      Ich gebe Ihnen Recht, das Leben besteht aus vielen Kompromissen. Es lässt sich nicht vermeiden, Dinge zu tun, die einem keinen Spaß machen oder Dinge zu lassen, die man gerne machen würde, weil etwas anderes wichtiger ist.

      Dennoch glaube ich, dass dies nicht bedeutet, NICHT selbstbestimmt zu sein. Wenn ich mich entscheide, morgens zur Arbeit zu fahren obwohl ich eigentlich lieber im Bett bleiben würde, dann tue ich das, weil ich weiß, welche Konsequenzen es hätte, dies nicht zu tun und ich diese Konsequenzen nicht möchte (Dieser Gedanke kann übrigens sehr hilfreich sein, wenn´s mal sehr schwer fällt :rolleyes: ). Es ist also meine freie Entscheidung, zur Arbeit zu fahren, auch wenn ich lieber etwas anderes täte. Ähnlich ist es, wenn ich meinem Partner oder meinem Kind oder sonst jemandem zuliebe etwas tue, weil dies zu einer funktionierenden Beziehung nun einmal dazu gehört. Ich tue das ja aus freien Stücken, weil ich Gründe dafür habe. Selbstbestimmt bedeutet für mich: Ich habe eine Wahl, die ich treffen kann. Dabei entscheide mich dann manchmal aus guten Gründen auch für Dinge, die ich nicht gerne mache.

      Manche Menschen haben diese Wahl leider nicht, auch wenn sie geistig in der Lage wären, eine Entscheidung zu treffen :( .

      Anne