Waldkindergarten

1. Definition und Entstehung von Waldkindergärten

Die Idee der so genannten Waldkindergärten hat ihren Ursprung in den skandinavischen Ländern, wo es an Waldangebot schließlich nicht mangelt und Waldaufenthalte einen elementaren Stellenwert im kindlichen Alltag einnehmen. So entstand Anfang der 1950er Jahre das Konzept, die Kinderbetreuung gänzlich in die natürliche Umgebung zu integrieren. Herausgekommen ist ein Kindergarten, der auf geschlossene Unterkünfte verzichtet und stattdessen eine Betreuung innerhalb der Natur und im Einklang mit dieser ins Zentrum rückt.

 

In den 1960er Jahren erreichte diese Idee auch Deutschland, so dass im Jahr 1968 hierzulande der erste Waldkindergarten als private Institution ihre Pforten öffnete. Eine staatliche Anerkennung blieb dieser Einrichtung allerdings verwehrt.

 

Es dauerte noch fast 30 Jahre, genauer gesagt bis zum Jahr 1997, ehe in Flensburg der erste Waldkindergarten die staatliche Anerkennung genießen durfte. Daraus ist mittlerweile ein sattes Angebot von mehr als 1.000 Waldkitas innerhalb des Bundesgebiets geworden.

 

Waldkindergarten

 

Die Grundidee des Waldkindergartens nach skandinavischem Vorbild hat sich bis heute gehalten und rückt die Betreuung im Einklang mit der Natur in den Fokus. Eine Verortung innerhalb des Waldes ist nicht obligatorisch, findet jedoch aufgrund des dort vorzufindenden natürlichen Spielangebots in der Regel statt. Eine große Besonderheit der Waldkindergärten in Deutschland ist allerdings, dass staatlich anerkannte Betreuungsinstitutionen keinesfalls auf feste Gebäude verzichten dürfen. Egal ob Waldhütte oder Bauwagen – irgendeine Möglichkeit des Aufenthalts in geschlossenen Räumen bei schlechtem Wetter muss der hiesige Waldkindergarten bieten. Die Einhaltung von Hygienevorschriften und Gefahrenverordnungen ist obligatorisch.

 

2. Waldkindergärten und ihr Menschenverständnis

Kernelement des Menschenbildes in Waldkindergärten ist die Auffassung, dass der Mensch ein Bestandteil der Natur ist und deshalb nur im Einklang mit dieser leben und seine Entwicklung erfahren kann. Naturnähe steht somit im Zentrum jedes Geschehens.

 

Darüber hinaus ist das Menschenbild in Waldkindergärten durch einen respektvollen Umgang miteinander geprägt. Kinder und Erwachsene werden hinsichtlich der Achtungswürdigkeit als ebenbürtig wahrgenommen und stehen damit mit Erwachsenen auf gleicher Stufe.

 

Als Einzelpersonen und innerhalb der Gesellschaft wird allen Menschen eine Bedeutung beigemessen. Im Resultat müssen die Fähigkeiten jedes einzelnen erkannt und individuell gefördert werden und zwar nicht nur, aber vor allem innerhalb der Erziehung. Dort bildet das Kind stets das Zentrum jedweder Bemühung.

 

Laut Menschenbild der Waldpädagogik erlernen Kinder am besten durch praktisches Tun. Folglich liegt der Alltagsschwerpunkt auf eigenen Tätigkeiten der Kinder.

 

3. Pädagogische Konzepte in Waldkindergärten

Das pädagogische Konzept von Waldkindergärten ist nicht zu verkennen, denn im Fokus steht das Erleben der Natur mit allen Sinnen. Entsprechend des konsequenten Aufenthalts in der Landschaft sollen die Kinder im Umgang mit dieser sensibilisiert werden. Die Wahrnehmung von Pflanzen und Tiere als achtungswürdige Lebewesen steht im Fokus. Insgesamt ist es ein hohes Anliegen des pädagogischen Konzepts von Waldkindergärten, die Wertschätzung der Natur und all ihrer Geschöpfe zu fördern.

 

In diesem Sinne ist die Natur der feste Bestandteil des Waldkindergartens. Die Kinder sollen lernen, das Positive an natürlichen Prozessen zu erkennen, beispielsweise auch widrigen Witterungen etwas abzugewinnen. Im Lernprozess können die Kinder im Waldkindergarten ökologische Zusammenhänge kennenlernen und Wichtiges über Pflanzen und Tiere erfahren. Eine enge Verknüpfung mit den Jahreszeiten ist aufgrund der Außenaufenthalte gegeben.

 

Entwicklungspädagogisch steht die Bewegungsfreude und –freiheit im Zentrum der Waldkindergärten. Eine Entwicklungsförderung ist in allen Bereichen angestrebt, wobei Grob- und Feinmotorik in den Fokus gerückt werden. Auf künstliche Spielmaterialien wird weitgehend verzichtet, stattdessen liefert die Natur das zu verwendende Spielzeug, welches von den Kindern eigeninitiativ zur Anwendung gebracht wird. Einem künstlichen Bespielen von Außen wird im Waldkindergarten also eine klare Absage erteilt.

 

4. Zielgruppenansprache im Waldkindergarten

Die Zielgruppe des Waldkindergartens leitet sich bereits aus seinem Namen ab – angesprochen sind solche Familien, die eine naturnahe Erziehung für ihre Kinder wünschen. Dabei müssen sich die Eltern damit identifizieren können, dass während der Kindergartenbetreuung auf externe Spielmaterialien verzichtet wird und nur das zur Spielverfügung steht, was der Wald zu bieten hat. Auch Angebote seitens der Erzieher werden nur rudimentär unterbreitet.

 

Bezüglich der tagtäglichen Rahmenbedingungen müssen Eltern davon ausgehen, dass ihre Kinder im Waldkindergarten ständig und ungeachtet der Witterung im Freien sind und sich nur bei schlimmsten Regenfällen unterstellen. Auch schmutzige Kleidung ist an der Tagesordnung.

 

All diese Aspekte sollten Eltern berücksichtigen und akzeptieren können, ehe sie ihr Kind im Waldkindergarten anmelden. Auch müssen ihre Betreuungsnotwendigkeiten mit den oftmals reduzierten Betreuungsstunden dieser Einrichtungen konform gehen. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen sprechen Waldkindergärten Kinder zwischen drei und sechs Jahren an. Krippenplätze kann es geben, sie sind jedoch eher die Ausnahme. Kinder mit schweren Allergien gegenüber verschiedenen Pollenarten bleiben vom Waldkindergarten leider ausgeschlossen.

 

5. Auszug aus dem Kindergartenalltag

Der Kindergartenalltag in einem Waldkindergarten ist bezüglich des strukturellen Aufbaus an „normale“ Kindertageseinrichtungen angelehnt. Inhaltlich  könnten die Abläufe jedoch konträrer fast schon nicht sein. Aber auch wenn dem Waldkindergarten von Kritikern gerne jegliche Strukturierung abgesprochen wird, so kann man doch geregelte Tagesabläufe erkennen:

 

Bringsituation

In den meisten Waldkindergärten startet der Kindergartenmorgen ab etwa 7.30 Uhr, wobei auch spätere Beginnzeiten nicht ausgeschlossen sind und sich aus den jahreszeitlich bedingten Phasen längerer Dunkelheit ergeben. Üblicherweise findet die Ankunft der Kinder in einem relativ eng gesteckten Zeitrahmen statt. Als Sammelstelle wird ein Treffpunkt definiert, der entweder an einem benannten Waldplatz befindlich ist oder aber in den zwingend vorzuhaltenden Unterstand, sprich den Bauwagen oder die Waldhütte, verlegt wurde. Hier finden sich alle Kinder ein, ehe der eigentliche Kindergartenmorgen startet.

 

Eröffnungsrunde

Die meisten Waldkindergärten lassen ihre Bringzeit in einen Morgenkreis einmünden, bei dem sich alle Kinder gemeinsam zusammensetzen und über den angedachten Tagesablauf diskutieren. Dieser Morgenkreis kann am Sammelplatz stattfinden, in der Regel wird er jedoch an einer besonders schönen Waldstelle inszeniert. Ist ein gemeinsames Frühstück Bestandteil des Kindergartenkonzepts, so findet dieses ebenfalls in diesem Rahmen statt.

 

Spielzeit

Der Morgenkreis geht nahtlos in die Spielzeit über, die im großen Maß vom Freispiel mit Materialien der Natur dominiert wird. Mitgebrachte Utensilien wie Schnitzmesser oder Schaufeln dürfen dabei zum Einsatz kommen. Eher randständig finden in dieser Spielzeit auch inszenierte Projekte und von den Erzieherinnen gelenkte Angebote statt. Bilderbuchbetrachtung, Tanz- und Singgruppen sowie Bastelarbeiten seien hier als Beispiele genannt.

 

Abholphase

Der Kindergartenmorgen im Waldkindergarten endet gegen 12.00 Uhr und findet seinen Schlusspunkt in einer gemeinsamen Abschlussrunde am Sammelplatz. Anschließend können die Eltern ihre Kinder in Empfang nehmen.

 

Dieser vergleichsweise kurze Kindergartenalltag konnte sich beim Waldkindergarten durchsetzen, da gerade bei nassen Witterungsverhältnissen ein längerer Aufenthalt im Freien unangebracht erscheint. Nichtsdestotrotz hat der zeitlich intensivierte Betreuungsbedarf dazu geführt, dass auch Waldkindergärten mittlerweile Ganztagesgruppen unterhalten. Um diese zu realisieren, finden häufig Kooperationen mit „normalen“ Kindertageseinrichtungen statt, in deren Räumlichkeiten die Kinder am Nachmittag ihre Betreuung erfahren. Das gemeinsame Mittagessen kann dabei entweder im Wald inszeniert oder bereits in die Kooperationsinstitutionen ausgelagert sein. In dieser Konstellation wird zumeist ein Bustransfer für die Kinder unter Begleitung der Erzieherinnen eingerichtet.

 

6. Vorteile des Waldkindergartens

  • der direkte Kontakt zur Natur wirkt sich elementar bildend auf die Fantasie der Kinder aus
  • der ständige Aufenthalt in der Natur hat eine immunstärkende Wirkung – Krankheiten und Allergien gehen nachweislich zurück
  • Waldkindergärten nehmen nur eine begrenzte Anzahl an Kindern auf
  • Kinder werden nicht „bespielt“, sondern müssen eigene Spielideen entwickeln
  • auf künstliche Spielmaterialien wird verzichtet
  • der direkte Umgang mit der Natur schärft den ökologischen Sinn
  • Waldkindergärten sensibilisieren nachweislich das Sozialverhalten

 

7. Nachteile des Waldkindergartens

  • Waldkindergärten erfordern eine Identifikation mit dieser konzeptionellen Idee
  • der Aufenthalt im Freien findet bei jeder Wetterlage statt, was vor allem für empfindliche Kinder problematisch sein kann
  • oft sind die Öffnungszeiten von Waldkindergärten begrenzt
  • schmutzige Kleidung wird zur Selbstverständlichkeit
  • Kinder mit bestehenden Allergien sind im Waldkindergarten nicht gut aufgehoben.

 

8. Aspekte der Trägerschaft und der Kosten

Das Konzept Waldkindergarten ist wahrlich sehr speziell, so dass man nicht zwingend flächendeckend ein entsprechendes Angebot erschließen kann. Stattdessen muss sich ein Träger finden, der die Idee des Waldkindergartens als umsetzungswürdig empfindet. Folglich kann man den Träger des Waldkindergartens schlechthin nicht festlegen, sondern findet dieses Konzept in unterschiedlichen Trägerschaften realisiert.

 

  • Private Träger,
  • Elterninitiativen,
  • gemeinnützige Vereine und
  • Träger der Jugendhilfe

 

haben sich als Hauptinitiator von Waldkindergärten etablieren können.

 

Die Kosten für eine Betreuung im Waldkindergarten hängt verständlicherweise vom Umfang der Betreuungsstunden ab. 100 bis 150 Euro pro Monat sind die Regel. Kosten für Essen und Material werden gesondert erhoben. Je nach Trägerschaft kann der Kindergartenbeitrag auch mit einem Mitgliedsbeitrag in Verbindung stehen. Zumeist darf man sich jedoch darüber freuen, dass die Waldkindergärten in ihren Betreuungssätzen unter Kindergärten jenseits dieser Konzeption zurück bleiben.

 

Wer sich nicht in Gänze für einen Waldkindergarten entscheiden kann, der findet in normalen Kindergärten mit Waldtagen und Waldprojekten lobenswerte Alternativen.

 

9. Schulform nach dem Waldkindergarten

Wer sich durch die spezielle Idee der Waldkindergärten angesprochen fühlt, wird sich freuen zu erfahren, dass es Schulkonzepte gibt, die genau diese Grundgedanken aufgreifen. Spezielle Waldschulen vermitteln den Lernstoff im natürlichen Ambiente und bedienen sich dabei naturpädagogischer Konzepte. Selbstverständlich ist eine Einschulung auch in jedes andere Schulsystem denkbar.