Kindergarten mit situativem Ansatz

1. Definition und Entstehung des situativen Ansatzes

Hinter dem situativen Ansatz verbirgt sich eigentlich keine grundsätzliche Kindergartenidee sondern vielmehr ein pädagogisches Konzept, welches auch als situationsorientierter Ansatz bezeichnet wird. Entstanden ist die Idee des situativen Ansatzes in den 1990er Jahren und geht auf den Pädagogen Krenz zurück. Das Konzept geht davon aus, dass Kinder am ehesten lernen und am sinnvollsten zu beschäftigen sind, wenn man ihre Interessen aufgreift. Genau diese Interessen spiegeln sich in ihrem alltäglichen Handeln, sprich den einzelnen Aktivitätssituationen, wider. Der situative Ansatz greift folglich Themen auf, mit denen sich die Kinder aktuell beschäftigen, basiert also auf den Inhalten der jeweiligen Situation. Die Kinder stehen damit im Zentrum der pädagogischen Arbeit, die darauf abzielt, die Lebenswelt der Kinder und deren aktuelle Konstellation aufzugreifen, zu thematisieren und den Kindern bei deren Erfassen und Verarbeitung zu helfen sowie Lerninhalte daraus zu entwickeln.

 

2. Menschenbild situativer Kindertagesstätten

Im Menschenbild des situativen Ansatzes werden alle Menschen als gleichberechtigt angesehen und mit Wertschätzung geachtet. Darüber hinaus wird den Kindern ein elementares Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Interaktion und Kommunikation zuerkannt. Die Grundidee des situativen Ansatzes geht dabei davon aus, dass der größte Lernerfolg dann gegeben ist, wenn die Lern- und Förderinhalte sowie die strukturelle Ausgestaltung sich an den tatsächlichen Interessensbereichen und Bedürfnissen der Kinder orientieren. Insgesamt kann das Menschenbild des situativen Ansatzes als humanistisch und professionell beschrieben werden.

 

Kindergarten mit situativem Ansatz

 

Der situative Ansatz kann unabhängig von der vorherrschenden Trägerschaft in allen Kindergärten gleichermaßen zum Einsatz kommen. Folglich prägt das jeweilige Menschenbild des Trägers, beispielsweise christlich oder ökologisch, ebenfalls in nicht unerheblichem Ausmaß das alltägliche Geschehen.

 

3. Das pädagogische Konzept des situativen Ansatzes

Im Zentrum der pädagogischen Arbeit des situativen Ansatzes steht die genaue und ausdrückliche Beobachtung der Kinder in ihren alltäglichen Handlungen. Die dabei ermittelten Ideen, Interessen und Bedürfnisse der Kinder stellen die Rahmenbedingungen des erzieherischen Tuns. Hintergrund ist die Lerntheorie, dass Kinder am besten aus ihren Alltagssituationen heraus lernen.

 

Eine große Bedeutung kommt laut des Konzepts des situativen Ansatzes dem Spiel zu, welches ein großes Lernpotenzial birgt. Daraus folgernd werden die Kinder im Kindergartenalltag durch die Erzieher beobachtet und begleitet. Dabei agieren die Pädagogen nicht nur als Beobachter, sondern auch als Organisator und Spielpartner, wobei sie in diesen Beziehungen den Kindern untergeordnete Stellungen einnehmen. Nichtsdestotrotz müssen sie sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein.

 

Vor diesen Hintergründen greifen die Erzieherinnen im nach situativem Ansatz arbeitenden Kindergarten ihre Beobachtungen auf und entwickeln darauf basierend Lerninhalte für die Kinder, die dem Ziel entgegenkommen, eine größtmögliche Autonomie und Selbstbestimmung zu erreichen. Logischerweise erfahren die tatsächlichen Erlebnisse der Kinder durch diese situationsorientierte Arbeitsweise eine Verinnerlichung, Vertiefung und Verarbeitung. Damit will man dem gesetzlichen Recht jedes Kindes auf Erziehung und Bildung gerecht werden.

 

Auch wenn sich der situative Ansatz konzeptionell als spontane und scheinbar ungelenkte Lernweise darstellt, so werden selbstverständlich auch Projekte und gezielte Förderungen initiiert.

 

4. Zielgruppe situativer Arbeit

Der situative Ansatz ist eine pädagogische Arbeitsweise, der eigentlich keine Zielgruppe verschlossen bleibt. Folglich spricht sie alle Kinder im Betreuungsalter gleichermaßen an. Situativ wird aufgrund des altersspezifischen Lernverhaltens am ehesten mit Kindern von drei bis sechs Jahren, also im klassischen Kindergartenalter, gearbeitet. Darüber kann aber auch im Umgang mit Hortkindern im Rahmen der nachschulischen Betreuung durchaus situativ gehandelt. Die Involvierung des situativen Ansatzes in Kinderkrippen bei der Betreuung der unter Dreijährigen ist zwar durchaus möglich, wirft in der Praxis aber so manche Umsetzungsschwierigkeit auf.

 

5. Tagesablauf im situativen Kindergartenalltag

Der Tagesablauf im Kindergarten, der nach situativem Ansatz arbeitet, ist durch größtmögliche Flexibilität gekennzeichnet. Schließlich geht es zentral darum, die Inhalte entsprechend der aktuellen Bedürfnisse und Interessen der Kinder zu konzipieren. Folglich ist für großzügige Vorausplanungen ebenso wenig Raum wie für Angebote aus dem Interessensverständnis der Erzieherinnen heraus. Diese können allenfalls Themenanstöße geben. Darüber hinaus könnte ein Alltag im situativ arbeitenden Kindergarten wie folgt aussehen:

 

  1. Bringphase bis 8.30 Uhr oder 9.00 Uhr
  2. Morgenkreis
  3. Freispiel und punktuelle Angebote und Projekte
  4. ab 12.00 Uhr Abholphase für die Teilzeitkinder
  5. Mittagessen
  6. Ruhezeit
  7. Nachmittagsbetreuung mit Freispiel

 

Gerade das freie Spiel nimmt im situativen Kindergarten einen hohen Stellenwert ein, da es den Zeitrahmen definiert, innerhalb dessen die Erzieherinnen Einblick in die Interessen der Kinder erhalten und daraus Projektideen herleiten können. Auch eine spontane Selbsteinbindung der Erzieherin zur Vertiefung von den Kindern vorgebrachter Thematiken ist durchaus Gang und Gäbe. Der Morgenkreis schafft im situativ arbeitenden Kindergarten hingegen den Rahmen, in dem Kinder ganz bewusst und gezielt ihre Wünsche äußern dürfen.

 

6. Vorteile des situativen Ansatzes

  • es gibt keine starren Wochen- und Tagespläne, wodurch viel Raum für Individualität geschaffen wird
  • die Kinder bilden den Mittelpunkt dieses Kindergartenkonzepts
  • alle Angebote sind an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet
  • gezielte Angebote finden in Kleingruppen oder auch als Einzelförderung statt

 

7. Nachteile des situativen Ansatzes

  • ruhige und zurückhaltende Kinder drohen in diesem System unterzugehen, da sie ihre Bedürfnisse nicht lautstark kundtun
  • nur durch genaue Beobachtungen können die Situationen und damit auch die Wünsche und Bedürfnisse erfasst werden
  • diese intensiven Beobachtungsphasen gehen zu lasten der effektiven Beschäftigung mit den Kindern
  • häufig ist ein eklatanter Mangel an ausgebildetem Fachpersonal festzustellen

 

8. Träger und Kosten derartiger Kinderbetreuung

Der situative Ansatz ist ein pädagogisches Konzept, welches trägerunabhängig zum Einsatz kommen kann. Es ist einzig vom pädagogischen Selbstverständnis der jeweiligen Institution abhängig. Kommunale Träger können folglich genauso nach dem situativen Ansatz arbeiten wie christliche oder private Einrichtungen. Auch eine Überschneidung mit anderweitigen Kindergartenkonzepten stellt kein Ausschlusskriterium dar – die duale Existenz von beidem ist durchaus möglich.

 

Daraus resultierend ist die individuelle Kostendefinition institutionsabhängig und hängt in keiner Weise vom situativen Ansatz ab. Die entsprechend Beiträge richten sich folglich nach den Gebührenordnungen der jeweiligen Träger.

 

9. Schulsysteme im Anschluss an den Kindergarten

Der große Vorteil des situativen Ansatzes ist, dass im Anschluss an einen derart arbeitenden Kindergarten jede Schule besucht werden kann. Diesbezüglich werden die Eltern in ihrer Entscheidung also keineswegs eingeschränkt. Vielmehr ist es so, dass pädagogisch sinnvolle Schulkonzepte gerade in den Anfangszeiten der ersten Klassenstufe ebenfalls situativ arbeiten, wenngleich dies vorrangig in Bezug auf einzulegende Pausen geschieht. Sinnvollerweise finden diese nämlich nicht nach vorgefertigten Plänen, sondern analog zur schwindenden Konzentration der jungen Schülerinnen und Schüler statt – ganz im Sinne des situativen Ansatzes.