Reggio Kindergarten

1. Bedeutung und Entwicklung der Reggio Pädagogik

Hinter den Reggio Kindergärten verbirgt sich eine pädagogische Konzeption, die sozusagen aus der Not heraus entstanden ist. Im Konkreten kam es in den Jahren nach 1945, also nach dem zweiten Weltkrieg, in der norditalienischen Stadt Reggio nell‘Emilia zu einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage in Bezug auf Kinderbetreuungsangebote. So gab es immer mehr berufstätige Mütter, die eine adäquate Betreuung für ihre Kinder suchten. Daraus entstand der Grundgedanke, dass kindliche Erziehung eine gesellschaftliche Verantwortung sei: Geboren war der Grundgedanke der Reggio Pädagogik.

 

Reggio Pädagogik versteht sich selbst weniger als erzieherisches Modell sondern vielmehr als Philosophie einer partnerschaftlichen Erziehungsarbeit, die auf der Kooperation von Erziehern, Eltern, Kindern und Gesellschaft basiert. Sie alle werden als kompetent angesehen und in die kindliche Erziehung mit eingebunden. Dabei geht man davon aus, dass Kinder von Natur aus wissbegierig sind. Dieser Lernwunsch prägt demnach den Kindergartenalltag in überdimensionalem Ausmaß, wobei hier die kindliche Kreativität eine besondere Würdigung erfährt. Die im Kindergarten tätigen Pädagogen hingegen sollen lediglich unterstützend und begleitend auf den frühkindlichen Bildungsprozess einwirken.

 

Reggio Kindergarten

 

Mittlerweile ist die Reggio Pädagogik weit über die Grenzen Norditaliens hinaus bekannt und etabliert, handelt es sich doch um ein klar positives Erziehungsbild, welches auf Kooperation basiert. Viele kirchlichen und kommunalen Kinderbetreuungsinstitutionen greifen die Reggio Pädagogik als wegweisend auf.

 

2. Menschenbild von Reggio-Kindergärten

Hinter den Kindergarten nach Reggio Pädagogik steht eine positive Weltanschauung, welche auch ein positives Bild des Kindes zeichnet. So wird dieses als eigenständige Persönlichkeit geachtet, welches wertzuschätzen und an seiner eigenen Bildung zu beteiligen ist-. Dabei geht man davon aus, dass nicht nur die Erzieher pädagogisch kompetent sind, sondern auch die Kinder und ihre Eltern. Genau aus diesem Grund sind alle drei gleichermaßen in den Bildungsprozess integriert und haben gleichermaßen Einflussmöglichkeit.

 

Zusammengefasst kennzeichnet die Reggio Pädagogik also ein humanistisches Menschenbild, welches stark demokratisch geprägt ist und insgesamt einem positiven Erziehungsverständnis folgt.

 

3. Pädagogisches Konzept der Reggio Kindergärten

Das Grundkonzept der Reggio Pädagogik ist eine eindeutig positive Gesamtausrichtung der Erziehung, bei der der Fokus weg von den Schwächen gerückt wird und stattdessen die Stärken im Zentrum stehen, deren Instrumentalisierung auf positive Art die Bildung vorantreibt. Entsprechend dominiert ein grundsätzlicher Optimismus.

 

Jegliche pädagogische Arbeit steht im Dienste der ganzheitlichen Entwicklung der Kinder, deren Sinne komplex entfaltet werden sollen. Wissen und Kreativität werden gezielt gefördert, vor allem da künstlerische Aspekte einen hohen Stellenwert innerhalb der Reggio Pädagogik einnehmen. Sie werden in einer engen Verknüpfung mit der Wahrnehmung verortet.

 

Auch wenn die Erziehung nach Reggio Pädagogik als kooperative kindliche Bildung verschiedener Beteiligten, also den Kindern, Eltern, Erziehern und externen Institutionen und Organisationen, angesehen wird, geht es im Kern um die individuelle Entfaltung und Selbstverwirklichung der Kinder mit einem größtmöglichen Entscheidungsspielraum für diese.

 

Jenseits dieser grundsätzlichen Reggio Gedanken sind derartige pädagogische Ideen zumeist in Institutionen eingeordnet, die noch anderweitigen konzeptionellen Schwerpunkten wie beispielsweise Religionspädagogik folgen.

 

4. Zielgruppe der Reggio Pädagogik

Das positive und optimistische erzieherische Verständnis der Reggio Pädagogik ist grundsätzlich für alle Familien gleichermaßen geeignet. Selbstverständlich sollte man sich als Eltern mit einem demokratischen Erziehungsstil und größtmöglicher Eigenverantwortung der Kinder identifizieren können. Außerdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass Druck und Macht im Reggio Kindergarten eher fehl am Platz sind. Stattdessen ist die Bereitschaft, sich aktiv in das Kindergartengeschehen einzubringen und partnerschaftlich mit Erziehern und dem Kind an dessen Bildung arbeiten wollen, von größter Wichtigkeit.

 

Sind diese Voraussetzungen gegeben, so kann ein Reggio Kindergarten für alle Kinder vom Krippen- bis ins Hortalter, also von Geburt bis einschließlich der nachschulischen Betreuung, erschlossen werden.

 

5. Tagesablauf in Reggio Einrichtungen

Betrachtet man den Tagesablauf der Reggio Institutionen, so wird schnell der enge Zusammenhang zur offenen Gruppenarbeit heutiger Kindergärten deutlich:

 

Gruppen- und Funktionsräume

In Reggio Kindergärten wird vorrangig nach dem Prinzip der Gruppen- und Funktionsräume gearbeitet. Dies bedeutet, dass alle Kinder einer Stammgruppe zugeordnet sind, die jedoch  nur zum Beginn und zum Abschluss des Kindergartenmorgens aufgesucht wird. Anschließend können die Kinder sich frei im Kindergarten bewegen. Dabei agieren die verschiedenen Räumlichkeiten als Funktionsräume, in denen die Kinder unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen können. Esszimmer, Entspannungszimmer oder Sportzimmer seien als Beispiele genannt. Ein besonders hoher Stellenwert kommt dabei den Kreativzimmern zu, da Kreativität im Reggio-Rahmen als besonders wichtig erachtet wird. Ein kreatives Atelier darf entsprechend in keinem Reggio Kindergarten fehlen.

 

Gruppenzusammenkunft, Freispiel und Projektarbeit

Im Alltag des Reggio Kindergartens wechselt das Aktivitätenprofil der Kinder zwischen Geschehnissen in der Gruppe, freiem Spiel und der Projektarbeit. Während der Morgen üblicherweise durch einen gemeinsamen Kreis ein- und ausgeleitet wird, dürfen die Kinder sich im Morgenverlauf frei für verschiedene Funktionsräume entscheiden und dort beschäftigen. In diesen Zeitraum sind allerdings auch gezielte Projekte zu verorten, die zumeist mit Kurscharakter inszeniert werden und die auf den situativen Interessensbereichen der Kinder basieren.

 

Funktion der Erzieherin

Der Reggio Kindergarten spricht den Kindern die Kompetenz zu, für sich selbst adäquate Entscheidungen über eine sinnvolle Beschäftigung zu treffen. Externe Angebote der Erzieherinnen finden folglich lediglich im Rahmen situativ entwickelter Ideen der Kinder statt. Stattdessen nehmen die Pädagogen den Part ein, die Spielbereiche der Kinder zurückhaltend zu beobachten und Spielaktivitäten passiv zu begleiten.

 

Bezugspädagogik

Im Reggio Kindergarten sind die Empfindungen der betreuten Kinder von großer Wichtigkeit, so dass auf deren Würdigung und Achtung besonders großen Wert gelegt wird. Im Resultat wird versucht, den Kindern einen sanften Einstieg in den Kindergarten zu ermöglichen. Deshalb setzt man auf das Prinzip der Bezugspädagogik, was bedeutet, dass jedes Kind bereits aber der Eingewöhnungszeit von einer festen Erzieherin betreut wird, die Ansprechpartnerin für alle Belange dieses Kindes ist.

 

Elterneinbindung

Ein großer Unterschied, der den Tagesablauf der Reggio Kindergärten gegenüber dem anderer Einrichtungen mit offener Gruppenarbeit abgrenzt, ist die starke Einbindung der Eltern in das gesamte pädagogische Geschehen. So finden in regelmäßigen Abständen Entwicklungsgespräche statt, in der sich alle an der Erziehung beteiligten Personen über die Bildungsfortschritte des Kindes austauschen. Auch die Mitwirkung von Eltern im Kindergartenalltag kann als charakteristisch bezeichnet werden.

 

Gemeinwesenbezug

Da der Reggio Kindergarten aus der Idee entstanden ist, das „Problems Kinderbetreuung“ zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu deklarieren, zeigen derartige Einrichtungen einen starken Bezug zum Gemeinwesen. Im Kindergartenalltag sind deshalb immer wieder Aspekte integriert, die eine Verbindung zu externen Institutionen und Organisationen erkennen lassen.

 

6. Vorteile des Reggio Kindergartens

  • trotz der prinzipiell offenen Gruppenarbeit gehören die Kinder Stammgruppen an, in denen ihr Kindergartenmorgen startet und endet
  • Kindern wird im Reggio Kindergarten keine Spielidee von Außen eingebracht, sondern sie selbst entscheiden über die inhaltliche Fülle ihres Morgens
  • das Prinzip der Bezugserzieherin kommt gerade zurückhaltenden Kindern zugute
  • Reggio Kindergärten folgen keinem vorgegebenen Tagesablauf, wodurch viel Raum für die kindliche Spontanität bleibt
  • die enge Zusammenarbeit mit den Eltern wirkt sich als kooperatives Modell positiv auf den Erziehungserfolg aus
  • Reggio Kindergärten haben durch ihren Gemeinwesenfokus eine große Öffentlichkeitswirkung
  • einzelne Spielbereiche erfahren im Reggio Kindergarten eine größere Ausarbeitung als in der Einrichtung mit reiner Stammgruppenarbeit, beispielsweise wird aus der Puppenecke ein komplexer Rollenspielraum

 

7. Nachteile des Reggio Kindergartens

  • oft ist nicht genug Personal vorhanden, um alle Räume personell qualitativ sicher abzudecken
  • der spontane Tagesablauf kann schüchterne Kinder überfordern
  • die Wahlmöglichkeit führt dazu, dass die meisten Kinder immer nur in ihrem bevorzugten Bereich spielen und andere Bereiche dadurch vernachlässigen
  • die Spielauswahl folgt zumeist dem Stärkenprinzip – Schwächen werden nur selten angegangen
  • für die situative Arbeit elementare Beobachtungsphasen scheitern an der dünnen Personaldecke
  • für Kinder mit Behinderungen oder Wahrnehmungsstörungen ist Reggio kein geeignetes pädagogisches Konzept

 

8. Trägerschaft und Kosten bei Reggio Institutionen

Ursprünglich handelte es sich bei der Reggio Pädagogik um eine betreuungsspezifische „Notfallmaßnahme“, die initiiert wurde, um einem aufkommenden Betreuungsnotstand zu begegnen. Daraus entwickelte sich zeitweise eine Art Reggio Bewegung, die allerdings aufgrund moderner Erkenntnisse, die ohnehin eine würdevolle und von Achtung geprägte, positive Erziehung in den Vordergrund rückt und mittlerweile die offene Gruppenarbeit favorisiert, wieder abgemildert wurde.

Nichtsdestotrotz gibt es auch heute noch vereinzelte kommunale und kirchliche Einrichtungen, die in Gänze diesem Konzept folgen. In der Regel sind jedoch einzelne Bausteine der Reggio Konzeption in allen modernen Kindertageseinrichtungen integriert.

 

Daraus resultierend sind die Kosten, die für eine Betreuung nach Reggio Pädagogik anfallen, identisch mit denen der meisten Betreuungsinstitutionen und variieren je nach Alter des Kindes sowie der Stundenzahl notwendiger Betreuungsleistungen. Ab 100 Euro ist ein halbtäglicher Regelplatz zu buchen, Krippen- und Tagesbetreuungen kosten entsprechend mehr.

 

9. Schulsysteme mit Reggio Anteilen

Echte Reggio Schulen, die dem klassischen Prinzip dieser Pädagogik folgen, sucht man in Deutschland zumeist vergeblich. Stattdessen muss man sich nach einem adäquaten Ersatz umsehen, der zumindest in den wesentlichen Elementen den positiven Anteil dieser Erziehungsidee aufgreift. Üblicherweise ist dies in den meisten Regelschulen der Fall, die dann häufig mit Wahlfächern, Arbeitsgemeinschaften und Praktika arbeiten.