Pestalozzikindergarten

1. Definition und Entstehung des Pestalozzikindergartens

Die so genannte Pestalozzipädagogik wurde nach ihrem Entwickler benannt und geht somit auf den Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi zurück. Sein Verständnis von Pädagogik basiert darauf, dass diese bereits in der Elementarbildung der Kinder ansetzen muss und somit vor dem Schulalter ihre Anfänge zu finden hat. Dabei versteht Pestalozzi die kindliche Entwicklung als dreigeteilt, nämlich als Entwicklung

  • im Kopf,
  • im Herz und
  • mit der Hand.

 

In diesem Verständnis war es Pestalozzi ein Anliegen, in Zeiten mangelnder Arbeitskräfte in der Landwirtschaft eine Verknüpfung aus Erziehung und Landwirtschaft zu erreichen. Mit dem Ziel, durch Erziehung den Kindern ein stabiles Grundfundament zu vermitteln, greift Pestalozzi die vorhandenen Kräfte im handwerklichen, intellektuellen, sittlichen und religiösen Bereich auf, hilft den Kindern diese zu entfalten und sieht die Pädagogik lediglich als unterschwellige Lenkung dieser Kräfte an.

 

Pestalozzikindergarten

 

2. Das Menschenbild nach Pestalozzi

Gemäß des Menschenbilds der Pestalozzipädagogik ist die Familie die erste Erziehungsinstanz und damit eine besonders schützenswerte und förderwürdige Institution. Der Mensch selbst hingegen ist nichts anderes als ein Werk der Natur, beeinflusst durch eine Welt, in der Gut und Böse stets miteinander ringen. Jedes Kind kommt mit Unschuld und Güte zur Welt, zwei Eigenschaften, die es im Rahmen der Erziehung zu schützen und zu bewahren gilt. Da die menschliche Natur als ambivalent betrachtet wird, müssen Güte und Unschuld durch Erziehung in die richtigen Bahnen geleitet werden. Dabei liegt der Fokus jedoch darauf, möglichst wenig fremde Einflüsse in die Erziehung einzubinden, sondern die Entwicklung als eigenständiges, menschliches Werk sich vollziehen zu lassen.

 

Erziehung gemäß Pestalozzi wird somit als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden, wobei im vorherrschenden Menschenbild durchaus die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten realisiert werden.

 

3. Pestalozzi – das pädagogische Konzept

Ausgehend vom Versuch, im Rahmen der Erziehung mit möglichst wenigen fremden Einflüsse auf die Kinder einzuwirken, zielt die Pestalozzipädagogik darauf ab, die Kindern hautnah die so genannten schöpferischen Kräfte erleben zu lassen. Im Zentrum des Geschehens steht also die Natur.

 

Darüber hinaus die die Pestalozzipädagogik ein situativer und stark individualisierter Ansatz. Im Rahmen der situativen Denkweise ist der Kindergartenalltag dadurch geprägt, dass elementare Schlüsselsituationen erkannt und aufgegriffen werden. Daraus leiten sich schließlich die pädagogischen Inhalte des Gruppengeschehens ab. Am Beispiel: Die Sonne scheint und ein Kind stellt fest, dass der Stein, der in der Sonne lag, besonders heiß ist. Im situativen Ansatz der Pestalozzipädagogik geht eine geschulte Erzieherin auf diese Feststellung ein und entwickelt daraus ein Projekt über die Kraft der Sonne, welches beispielsweise mit dem Bau eines Solarofens bestückt werden kann.

 

Der individuelle Bereich der Pestalozzipädagogik hingegen ist dabei ganz klar auf die einzelnen Kinder ausgerichtet, deren soziales und kulturelles Leben das Gruppengeschehen prägen sollen. Dabei geht es in Kombination mit der situativen Arbeitsweise darum, die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder und das, was sie bewegt und interessiert, herauszufinden und gezielt zu fördern. Es wird zwar realisiert, dass es geschlechtsspezifische Entwicklungsunterschiede gibt, von Rollenzuweisungen wird jedoch Abstand genommen.

 

Als übergeordnete Ziele definiert die Pestalozzipädagogik den Wunsch, Kinder für das Leben zu stärken, ihnen Werte und Normen zu vermitteln und sie in die Selbständigkeit zu führen. Dabei sollen die Kinder nicht nur miteinander leben sondern auch voneinander lernen und auf diese Art zu mündigen Gesellschaftsmitgliedern heranwachsen.

 

4. Zielgruppe der Pestalozzikindergärten

Pestalozzikindergärten unterscheiden sich in ihrer Struktur nur unwesentlich von anderen, allgemeinen Kindertageseinrichtungen. Entsprechend sprechen sie innerhalb der Regelgruppen Kinder zwischen 3 und 6 Jahren an. Manche Einrichtungen halten auch Krippenplätze für Kinder unter 3 Jahren vor. Ob diese ab einem Alter von 8 Wochen, 12 oder 18 Monate besucht werden können, liegt im Ermessen des jeweiligen Trägers. Eine Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe ist weder verpflichtend noch ein Hinderungsgrund. Je nach Institution können auch Integrationskinder einen Pestalozzikindergarten besuchen.

 

Eltern, die ihr Kind im Pestalozzikindergarten anmelden wollen, sollten jedoch aufgrund des naturnahen Ansatzes eine gewisse Naturverbundenheit mitbringen beziehungsweise offen sein darin, ihr Kind mit dem Schwerpunkt Natur erziehen zu lassen.

 

5. Der Alltag im Pestalozzikindergarten

In ihrem Erscheinungsbild unterscheiden sich Pestalozzikindergarten nur rudimentär von anderweitig orientierten Kindertageseinrichtungen und sind auf den ersten Blick oftmals bloß aufgrund ihrer Naturnähe in der dahinter stehenden Konzeption zu erkennen. Anders sieht es jedoch inhaltlich aus, denn der pädagogische Alltag im Pestalozzikindergarten ist durch diverse Charakteristiken gekennzeichnet:

 

Situativer Ansatz

Kernelement des Pestalozzikindergartens ist die situative Arbeit, was bedeutet, dass die jeweiligen Erzieherinnen ihr pädagogisches Handeln aus den aktuellen Situationen ableiten. Dabei sind natürlich die Interessenslagen der Kinder von elementarer Bedeutung und geben die ersten Anstöße. Die unterschiedlichen Neigungen der Gruppenkinder sollen dazu führen, dass alle gleichermaßen erkennen, wie weitreichend mit Augen, Ohren und Händen erfahren und erlebt werden kann.

 

Kleingruppenarbeit

Gemäß dem Prinzip, dass Kinder miteinander leben und voneinander lernen sollen, strebt der Pestalozzikindergarten danach, innerhalb seines Alltags Interessensgruppen zu bilden. Entsprechend werden zu von Kindern vorgebrachten Themen Kleingruppen gebildet und gefördert.

 

Projektarbeit

Ein wesentlicher Bestandteil des Kindergartenalltags gemäß Pestalozzi ist die Initiierung von Projekten. Im Kontext des situativen Ansatzes greifen die betreuenden Pädagogen Interessensgebiete der Kinder auf und handeln diese auf vielen Ebenen ab.

 

6. Vorteile von Pestalozzikindergarten

  • Pestalozzipädagogik ist stark individualisiert – die Kinder werden in ihren jeweiligen Entwicklungsständen gewürdigt
  • interessensbezogener Ansatz
  • das spezielle Konzept verhindert Über- oder Unterforderung der Kinder
  • gute Möglichkeit, individuelle Neigungen, Wünsche und Interessen schnellstmöglich zu erkennen und entsprechend zu fördern
  • Bildung von Interessensgemeinschaften im Sinne einer homogenen Gruppe – Förderung des sozialen Spielens
  • das Lernen voneinander wird in den Fokus gestellt
  • „Learning by Doing“ als Kernelement der kindlichen Entwicklung

 

7. Nachteile von Pestalozzikindergärten

  • Pestalozzikonzeption ermöglicht es den Kindern nur solche Dinge zu tun, die ihnen tatsächlich Spaß bereiten
  • defizitäre Bereiche werden bevorzugt ausgelassen und somit nicht behoben
  • neue Herausforderungen werden von Kindern gemieden

 

8. Trägerschaft und Kosten

Pestalozzi ist kein in sich geschlossenes System sondern ein pädagogisches Konzept nach dem zu arbeiten allen Kinderbetreuungsinstitutionen frei steht. Folglich kann man unter vielerlei Trägerschaft Kindergärten finden, die sich dem Pestalozzigedanken verschrieben haben. Diese werden bevorzugt getragen von

 

  • Städten und Kommunen,
  • Kirchengemeinden,
  • Elterninitiativen,
  • freien Trägern oder
  • der Pestalozzi Stiftung.

 

Wer sich für einen Pestalozzikindergarten interessiert, kann sich also bei allen infrage kommenden Betreuungseinrichtungen informieren, ob dort nach Pestalozzipädagogik gearbeitet wird oder ob zumindest Elemente aus dem Pestalozzikonzept übernommen sind.

 

Aus dieser allgemein anwendbaren Form der Pädagogik ergibt sich auch die Kostendefinition, die bei Pestalozzikindergärten keiner übergeordneten Vorgabe folgen muss. Die Gebühren lehnen sich somit an die Kindergartengebühren allgemeiner Betreuungseinrichtungen an und werden vom jeweiligen Träger definiert. Dabei ist von Bedeutung wie alt das zu betreuende Kind ist und in welchem zeitlichen Umfang die Betreuung stattfinden soll. Im Durchschnitt fallen für einen Regelkindergartenplatz zwischen 100 und 160 Euro an. Je nach Bundesland kommt auch eine prozentuale Gebührenermittlung vom Bruttojahreseinkommen der Eltern in Betracht.

 

9. Anschließende Schulsysteme

Für Eltern, denen der Grundgedanke der Pestalozzipädagogik gefällt, stehen auch nach dem Kindergartenalter entsprechende schulische Angebote zur Verfügung. Die eigene Pestalozzischule ist dabei natürlich naheliegend, wird im Bundesgebiet jedoch nur punktuell unterhalten. Rein konzeptionell gesehen kommen

 

  • freie Waldorfschulen und
  • Montessorischulen

 

dem Pestalozzigedanken nahe. Aber auch einer Einschulung in eine staatliche Regelschule steht nichts im Wege.